Fabian Stiepert | Drucken23.12.2014 

Gutes, Wahres, Schönes

Büchertipps für Intellektuelle alter Schule, Freunde des feinsinnigen Humors, Tiefsinnige, Bibliophile – oder einfach nur, um mitzureden


Zum Mitreden


Als Anfang diesen Jahres der Literaturnobelpreisträger verkündet wurde, hieß es bei vielen nur „Patrick wer?“. Kein Wunder, denn obwohl fast alle Bücher von Patrick Modiano auf Deutsch erschienen sind, hat er sich über die Jahre hinweg nur ein kleines Lesepublikum in Deutschland schaffen können. Die Verleihung des Nobelpreises an diesen sehr leisen, zurückhaltenden Zeitgenossen hat dies natürlich umgehend geändert. Auf eins sei bei Modiano aber hingewiesen: Wer einmal angefangen hat, ihn zu lesen, sollte damit besser nicht aufhören, bevor er nicht alle Bücher dieses eigenwilligen Chronisten verschlungen hat. Offenbar – und so sagen es viele – ergeben erst alle Romane in ihrer Summe ein großes Ganzes. Gräser der Nacht, welches erst kürzlich von der wunderbaren Elisabeth Edl auf Deutsch übersetzt erschienen ist, stellt einen idealen Einstieg in den Modiano-Kosmos dar. Es geht um die Rätsel der Vergangenheit und Gegenwart, die Liebe und die Schönheit von Paris. All diese Zutaten weiß Patrick Modiano immer wieder von Neuem aufs köstlichste zu einem belletristischen Genuss zu verquicken.

Patrick Modiano: Gräser der Nacht

Hanser

München 2014

176 S. – 18,90 €


Für den Intellektuellen der alten Schule


Die Sechziger waren das wohl coolste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. In den Siebzigern war von den Umbrüchen und Erosionen der Sechziger zwar noch einiges zu spüren, aber so wild wie im Jahrzehnt zuvor ging es bei weitem nicht mehr zu. Ulrich Raulff, seit 2004 Leiter des Marbacher Literaturarchivs, hat die Siebziger miterlebt und intellektuell vollauf ausgekostet. Neben seinem Geschichtsstudium in Marburg hat es Raulff auch immer wieder nach Paris verschlagen, wo er den Vorlesungen von Michel Foucault und Roland Barthes gelauscht hat. Raulffs kurzweilige Schnurren aus den Zeiten, in denen an den Universitäten noch alles in Butter gewesen zu sein schien, erzählen von einer Zeit, in der die großen Intellektuellen der Zeit auch Stars sein konnten. Heute müssen wir uns mit rhetorischen Schaumschlägern wie Richard David Precht zufrieden geben.

Ulrich Raulff: Wiedersehen mit den Siebzigern

Klett-Cotta

Stuttgart 2014

176 S. – 17,90€


Für Freunde des feinsinnigen Humors


„Als wir erfuhren, dass er noch lebt, mussten wir ihn einfach einladen!“. Mit diesen Worten wurde Herbert Feuerstein in Jan Böhmermanns NeoMagazin dem Publikum vorgestellt, als er dort zu Gast war, um seine Autobiographie Die neun Leben des Herrn F. vorzustellen. Feuerstein nahm diese wenig schmeichelhaften Worte wie gewohnt ohne viel Aufhebens oder Klagen zur Kenntnis. Mit der Statur und dem Aussehen von Herbert Feuerstein ist man nun mal die ideale Zielscheibe für bösartigste Witze, wie man spätestens in den Neunzigern durch Harald Schmidt in der legendären TV-Sendung „Schmidteinander“ sehen durfte. Dass Herbert Feuerstein vor seinen Aktivitäten im Fernsehen jahrzehntelang in den Printmedien sein Unwesen trieb und als Chefredakteur des genial blödelnden MAD-Magazins den Humor mehrerer Generationen geprägt hat, fällt heutzutage ja gerne unter den Tisch, da vom Pointengewitter des MAD nur noch ein müder Abklatsch übrig geblieben ist, für den man selbst in der gut sortierten Bahnhofsbuchhandlung schon sehr tief wühlen muss. Wer also wissen will, wie der ganze MAD-Wahnsinn zustande kam und wieso Herbert Feuerstein als Wiener Caféhausintellektueller einst Thomas Bernhard schwer persönlich beleidigt hat, der lese diese fulminante Autobiographie, dessen Titel nicht zu viel verspricht und nur so überschäumt vor wahnwitzigen Anekdoten. Extrem ehrlich und stellenweise angenehm ernst ist dieses Buch noch dazu. Schade, dass es in der alljährlichen Flut von meist unwichtigen Promibüchern ein bisschen untergegangen ist. Eine Besprechung in allen großen Feuilletons von FAZ bis TAZ hätte es in Anbetracht von Feuersteins Lebensleistung und humoristischem Können allemal verdient.

Herbert Feuerstein: Die neun Leben des Herrn F.

Ullstein

Berlin 2014

384 S. – 19,99 €


Wenn es tiefsinnig sein muss


Kommen wir nun zu etwas völlig anderem. Als Autor ist Lukas Bärfuss eine Ausnahmeerscheinung, denn er erreicht sowohl als Romancier wie auch als Dramatiker ein großes Publikum. Koala, der Titel von Bärfuss’ neuestem Roman lässt natürlich zuerst an das knuffige Wappentier der Australier denken. Dabei geht es in diesem schmalen, aber gewichtigen Buch um ein alles andere als süßes Thema. Der Autor erzählt von der Konfrontation mit dem plötzlichen Suizid seines Bruders, der von einigen auch Koala genannt wurde. Also forscht der Erzähler dieses Romans nicht nur nach den Gründen für und gegen das Leben, sondern auch nach der Naturgeschichte des mittlerweile vom Aussterben bedrohten Koalabären. Mit anderen Worten: Können wir Menschen einen (Spitz-)Namen tragen, der so gar nichts mit unserer Person zu tun hat? Weißgott kein ganz einfaches und auf allen Ebenen zugängliches Buch. Aber allemal mitreißend, schön und bewunderungswürdig.

Lukas Bärfuss: Koala

Wallstein

Göttingen 2014

182 S. – 19,90 €


Pflichtkäufe für den Bibliophilen


Der Mensch Günter Grass macht es uns seit längerer Zeit nicht einfach. Erst die fragwürdigen Gedichte in Sachen Israel, zuletzt die öffentlich skandierte Idee von Notunterkünften für Kriegsflüchtlinge. Innerlich kopfschüttelnd denkt man nur: „Kann er das nicht für sich behalten?“ So viel einfacher verhält es sich oft mit Grass’ Büchern, allem voran dem Frühwerk in Form der Danziger Trilogie. Hundejahre, der 1963 erschienene dritte Teil ist nun in einer bibliophilen und großzügig illustrierten Prachtausgabe erschienen. Wer die Geschichte rund um Eduard Amsel ein halbes Jahrhundert später liest, der erkennt, was Grass alles wie kein anderer deutscher Autor drauf hat: episches, spannendes Erzählen voll von Atmosphäre und Stimmen, die an Authentizität nichts eingebüßt haben. Wer wissen möchte, wie und wo Wunderwerke wie die Danziger Trilogie entstanden sind, der gönne sich noch den nicht weniger prächtigen Werkstattbericht Sechs Jahrzehnte gleich dazu.

Günter Grass: Hundejahre und Sechs Jahrzehnte

beide bei Steidl

Göttingen 2014

je 65 € und 45 €

je 780 S. und 544 S.


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