Fabian Stiepert | Drucken05.11.2015 

Ödes Buch über die Langeweile

Nach längerer Abstinenz in sämtlichen Medien legt Charlotte Roche einen neuen Roman vor – „Mädchen für alles“ ist ihr bislang schlechtester

Man kann Charlotte Roche so einiges vorwerfen, aber ihre Bücher waren der Debatten, die sich an ihre beiden ersten Romane Feuchtgebiete und Schoßgebete anschlossen, doch immer irgendwie würdig. Ob nun der Wasch- und Rasierzwang bei Frauen oder verkorkster Sex in der Ehe, beide Bücher haben sich diesen Themen auf dringliche wie „angenehm unzimperlich[e]“ (Silvia Bovenschen) Weise angenähert und sie detailreich beschrieben. Von dieser Lust am Anstoßen von Debatten ist in Roches drittem, ohne großes vorheriges Medientrara erschienenem Buch Mädchen für alles nicht mehr viel zu erkennen. Auch wenn die Autorin es selbstredend wieder ganz gern so hätte, dass sich Gesellschaft und Feuilleton den Mund fusselig reden.

Die Antiheldin in Mädchen für alles ist Christine, die vordergründig ein beschauliches Leben mit ihrem Mann Jörg führt und keine Hobbies hat außer sich amerikanische TV-Serien anzuschauen. Jörg und Christine haben eine gemeinsame Tochter namens Mila, um die sich Christine aber nicht kümmern mag, obwohl sie sich extra in Elternzeit begeben hat. Was Christine beruflich macht, wird im Buch nirgends erwähnt, hätte aber unter Umständen die Psychologisierung der Hauptfigur etwas plastischer gemacht. Weil sowohl Jörg als auch Christine der Meinung sind, dass eine Haushaltshilfe ein wenig frischen Wind in den eingeschlafenen Ehe- und Kleinfamilienalltag bringen würde, wird kurzfristig eine eben solche engagiert. Marie, deren Stellengesuch in einem Bioladen aushing, soll Jörg und Maries Ehe wieder kitten. Aber nicht, wenn es nach Marie geht, denn die hat ganz andere Pläne mit dem blutjungen und schönen Haushalts-Allroundtalent.

Mädchen für alles ist ein im schlechtest gemeinten Sinne rätselhaftes und unnötig geheimnisvolles Buch. Es ist auf weite Strecken klar und deutlich erkennbar, dass die Ich-Erzählerin Christine ein ausgewachsenes psychisches Problem hat. Ist es eine manische Depression oder ein Burnout vom anstrengenden Mutterdasein? Oder ist es jede Menge aufgestaute Wut nach Jahren der sexuellen Flaute in einer Ehe, in der es schon längst keine Liebe mehr gibt? Man könnte auch meinen, dass Roche satirisch Kritik an dem Druck und der Erwartungshaltung hinsichtlich junger Mütter üben möchte. Nur leider gibt Roches flapsiger Stil angereichert mit zahllosen unnötigen Abschweifungen eine satirische Darstellung einer überforderten Mutter nicht her. Natürlich ist Christine böse und bis zum Grauen überzeichnet, wenn sie schwangeren Frauen auf einer Party wodkaverseuchte Melonenscheiben reicht oder sich am epileptischen Anfall eines kleinen Schoßhundes ergötzt. Von der bitterbösen Meisterschaft eines Bret Easton Ellis, bei dem die Botschaft immer im wahrsten Sinne des Wortes an der Oberfläche zu finden ist, ist sie dabei aber meilenweit entfernt. Im Besonderen der angedeutete Amoklauf am Ende ist ein Indiz dafür, dass sie sich diesen Autor für ihr drittes Buch zum Vorbild genommen hat.

In einem größeren Zusammenhang betrachtet ist Mädchen für alles ein weiteres Buch von Charlotte Roche über Aspekte der Weiblichkeit, die allzu gern totgeschwiegen werden. Leider geht die Autorin, um auf die Überforderung und eventuelle Einsamkeit von jungen Müttern aufmerksam zu machen, diesmal mit dem Holzhammer anstatt mit der nötigen Sensibilität vor. Die eigentliche Provokation, die darin besteht, eine Figur zu entwickeln, die sich einen feuchten Kehricht für ihre Tochter interessiert und lieber das Kindermädchen anstelle ihres Ehemanns verführt, geht gnadenlos unter in einer unfassbar dünnen Handlung, die auch ein finaler Kniff nicht mehr zu retten vermag. Fast schon schade, dass die lethargische, unzufriedene Christine das ausführlich durchexerzierte, blutige Manöver nicht wirklich durchführt. Dann hätte man Charlotte Roche zusprechen müssen, dass sie es zumindest mit ihrer Bösartigkeit sehr ernst meint. So bleibt nur die Erinnerung an quälend langweilige 240 Seiten.

Charlotte Roche: Mädchen für alles

Piper

München 2015

240 S., 14,99 €


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