Holger Leisering | Drucken12.12.2016 

Es wird geerbt

Mit „Der Engel von Paris“ hat Christel Noir einen affektierten Roman geschrieben

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Marie hat einen Buchladen geerbt. Normalerweise wäre damit ein dickes Fragezeichen verbunden. Man würde sich zumindest orientieren müssen, ob eine Vermietung als Imbiss oder Telefonvertretung nicht mehr Gewinn einbrächte. Aber solche prosaischen, mit dem Odeur der Straße behafteten Gedanken sind in diesem Elaborat des aufgehübschten Geschmackes ausgesperrt. Haus und Geld und so weiter scheinen endlos verfügbar zu sein, und das im schicken Stadtteil Montmartre, wo man sich eine Wohnung eher kauft, wenn man zur Schickeria gehört. Marie verfügt sogar über Wohnraum mit einem verschlossenen Zimmer, das sie aus Angst vor der Familienvergangenheit nicht öffnet, sie streichelt nur über die Tür. Doch was liebevoll gemeint ist, wirkt schnell kitschig. Völlig unmotivierte Einschübe und Betrachtungen lähmen den Lesefluss und dann erscheint tatsächlich ein Schutzengel.

Die Protagonistin führt nun den Buchladen, was sie nicht daran hindert, mal eben aufs Land zu fahren. Ihr Zug hat einen außerplanmäßigen Halt, da erscheint Josh mit gepflegtem Oldtimer und die Romanze kann beginnen.

In einem Roman wäre alles möglich, wenn der Zeitpunkt nicht in der Gegenart ansiedelt wäre und wenn wir beispielsweise eine fantastische oder Sciencefiction-Geschichte läsen. So aber wird das alles zur Farce, wo nicht zur Prahlerei. Da kommt Komik auf, wenn es vor dem Öffnen des Zimmers ihres Großvaters auf Seite 336 heißt: „Wenn es wie in den Filmen ist, dann …“

In manchen Büchern wird gemordet, hier wird geerbt. Auch die Schülerin Noémie ist davon betroffen, in einem Palast aus weißen Zimmern informiert sie der treue Maître über Güter und Gelder. Der Schutzengel hingegen wirkt eher wie ein noch ungeübter Regie-Assistent. Der Preis für dieses affektierte Buch, der Prix Messardière, wurde von einem Nobel-Hotel gestiftet, vielleicht erklärt dies einiges. Autorin Noir arbeitete als Drehbuchautorin und liebt die Bilder auch als Malerin, dabei hätte sie es belassen sollen. Für Leserinnen und Leser beeinträchtigt dieses Buch vermutlich das Wohlbefinden – wirklich nicht zu empfehlen.

Christel Noir: Der Engel von Paris

Übersetzt von Bernd Stratthaus

Piper Verlag

München 2016

352 Seiten, 20 Euro

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