Tobias Prüwer | Drucken30.04.2012 

Kann man wirklich nicht über seinen Schatten springen?

Christian von Asters „Der letzte Schattenschnitzer“ ist ein Stück besserer Fantasy

Gedanken sind die Schatten unserer Empfindungen – immer dunkler, leerer, einfacher als diese.
Friedrich Nietzsche: Fröhliche Wissenschaft

Der Name Christian von Aster ist in Leipzig keine unbekannte Größe, kommt der Autor doch vom nördlichen Harzrand regelmäßig in die Stadt geschneit. Sein mit dem Leipziger Zeichner Schwarwel realisierter Film Herr Alptraum und die Segnungen des Fortschritts wurde just für den Shocking Shorts Award in München nominiert. (Auf dem 9. Kurzsüchtig-Kurzfilmfestival kann der Film am 25. April in der Schaubühne gesehen werden. www.kurzsuechtig.de.) Ansonsten muss man über von Aster leider sagen, dass er immer mal wieder zu dick aufträgt, sich als Überliterat und Genrezertrümmerer geriert. Bei aller Hybris, genug ist auch einmal genug – zumal dann, wenn er mit seinen (Selbstauf-)Blähungen ins Klo greift. Erinnert sei nur an seinen arg auf mutwilligen Trash gebürsteten und in Leipzig realisierten Film Kevin – einer im Ansatz guten Vampir-Integrationsgeschichte, die aber aufgrund absolut grottiger Umsetzung ins Gegenteil kippte. Der Rezensent entschied damals, dass es wohlwollender sei, den Film einfach nicht zu besprechen.

Dieses Schicksal soll Der Schattenschnitzer nicht teilen. Mit dem Roman ist von Aster ein gutes Stück Fantasy-Literatur gelungen. Sympathisch seinem Schatten gewidmet, entspinnt der Autor eine fesselnde Geschichte um die – uns – okkulte Verbindung des Menschen mit seinem Schatten. Denn sie sind eigene Entitäten oder Wesen, die durch die von Natur oder Magie erzwungene Verbindung mit den Menschen an ihrem Eigenleben gehindert werden. Das ist in einer Hinsicht auch gut so, denn sonst würde sich eine Schattenwelt über das irdische Leben legen. Dass dies nicht geschieht, dafür sorgt der Rat der Schattensprecher, ein elitärer Kreis magisch Begabter. Aber wie das so ist mit dem Willen zum Guten, er verkarstet und in einem blinden Glauben an ein Gleichgewicht auf Erden wurden und werden alle Anomalien bis aufs Blut verfolgt. So ging magisches Wissen, mit dem man auch Nicht-Negatives via Schatten anstellen kann, durch die Mühlen dieser Inquisition verloren. Als ein Mädchen ohne Schatten geboren wird und zudem der Junge Jonas Mandelbrodt früh lernt, Schatten zu manipulieren – ein Schattenschnitzer eben – ist der Rat in Aufruhr. Doch nähert sich von ganz anderer Seite eine große Gefahr und die Apokalypse ist eingeleitet.

Vom leichten Drang zum Überschwang am Buchende einmal abgesehen – natürlich müssen die Titanen griechischer Sagen und der Golem losgelassen werden und es knarzt zuweilen im dramaturgischen Gebälk –, hat von Aster eine wendungsreiche Lektüre vorgelegt. Vielleicht hat er sich angesichts der Verlagsdeadline an einem Lucky-Luke-Gleichnis probiert und versucht, schneller zu schreiben als sein Schatten? Das aber mal beiseite gelassen: Geschickt verbindet von Aster seine Handlungsstränge, lässt auch Mandelbrodts Schatten selbst zu Wort kommen und liefert etwa mit den historischen Figuren John Dee und George Ripley Anspielungen auf die Alchemiegeschichte. Das alles ist rund zusammengeschnürt zum Fantasy-Paket, dessen spekulativer Story man gern folgt. Dass einige Gedanken im Buch stecken und Spannung klug erzeugt wird, hebt Der letzte Schattenschnitzer angenehm ab von den auf Ziegelsteindicke aufgebauschten Groschenromanen, die man nicht nur aus dem Verlag mit den Basteizinnen kennt.

Christian von Aster: Der letzte Schattenschnitzer

Klett-Cotta

Stuttgart 2011

312 S. – 19,95 Euro

www.klett-cotta.de

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