| Drucken05.05.2003 

Damits nicht bald überall so aussieht wie überall, gibts ja zum Glück Sibylle Bergs „Herrengeschichten” (Steffen Kühn)

5. Mai 2003, Moritzbastei Leipzig
Leseabend mit Musik, Sibylle Berg & Marc Krebs
Lesung zu Sibylle Bergs neuem Buch ?Das Unerfreuliche zuerst?, Herrengeschichten


?Gefühle sind auch wer?

Uns von unserem Hass zu befreien, hat sich Sibylle Berg aufgemacht. Nach Wegfall des Feindbildes Irak möchte Sie uns helfen, den Hass auf die Schweiz loszuwerden. Wer hasst denn die Schweiz? Oder meint Frau Berg gar unsere Liebe und Sehnsucht nach der aufgeräumten Alpenrepublik? Egal, lassen wir uns auf Ihre Schubladen ein.

Stolz präsentiert Sibylle Berg zu Beginn Ihren echten Eidgenossen ? Marc Krebs. Er hisst sogleich die Schweizer Nationalfarben, die deutsche Fahne steht auch bereit. Der Abend ist in 6 Abteilungen gegliedert. 1. Thema sind Paare ?allerlei Geschlechts?, wie von Frau Berg ausdrücklich betont. Doch nimmt Sie nur die gefrusteten Heteros ins Visier.

Ein Paar lernt sich kennen: Liebe, gemeinsame Pläne, gemeinsame Wohnung, irgendwann alles gemeinsam bis zur offenen Ehe. Aus der tropft jetzt Eiter. O ? Ton Eiter: ? Ich tropfe da jetzt heraus?. Sibylle Berg und Marc Krebs lesen szenisch verteilt mal mit ein wenig Musik im Hintergrund, mal auch durch Einspielungen unterstützt das erste Stück. Die Art des Vortrages nimmt dem Text den selbstgefälligen Zynismus, der manchem Leser wohl mit der Zeit zuviel ist.

Seit gut einem Jahrzehnt schreibt die 1962 in Weimar Geborene Ihre bissigen Kolumnen und Kurzgeschichten. Der Alltag wird auf Klischees und Stereotypen reduziert, um zu zeigen - ja was eigentlich? Die Charaktere sind überzeichnet, dass es peinlich ja bisweilen auch komisch wird, doch was kommt dann? Intention kann es doch nicht allein sein, einen Teil des Publikums zum Lachen zu bringen. Frau Berg, im Feuilleton vor Jahren als ?der schärfste Lidstrich Deutschlands? hochgelobt, verwirrt mit Ihrer charmanten Bissigkeit.

2. Abteilung: Lustiges über Tiere. Dann wieder Heimspiel: es geht um Männergefühle. Nach dem bekannten Der Mann und Liebe, der gewaltbereite Mann will ficken usw. kommen wir zur Alpenrepublik zurück. Marc Krebs liest einen Text über den Anachronismus der Schweizer Wehrpflicht. Wie Eingeweihte wissen, muss jeder Schweizer sein Leben lang Reservedienste leisten, die dazu benötige Flinte steht zu Hause im Schrank.

In der 5. Abteilung Berufsgefühle. Mit der Darstellung einer Kunsthandwerkerin, die ?mit dem Material arbeiten will? und offen teetrinkend und müsliessend ?über Menstruation reden will?, erreicht Frau Berg den szenischen Höhepunkt. Doch leider bleibt auch hier der Beigeschmack, alles schon mal irgendwie gehört zu haben. Wenigstens gibt es immer mal schöne Sätze wie: ?Überall sieht es bald aus wie überall?, so in der letzten Abteilung ?Reisegefühle? während der Schilderung einer Pauschalreise in die Türkei.

Nach dem Abend in seiner wenig einfühlsamen Beschreibung von Alltag und Ausweglosigkeit der Protagonisten man fragt man sich, wo denn die angekündigten Gefühle geblieben sind. Ach ja, war doch noch die Schweiz ? Frau Berg lebt seit Jahren in Zürich.

(Steffen Kühn)

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