Ulrike Böhm | Drucken | Kommentare (2)30.04.2012 

„Wir sind gegenüber dem Alkohol machtlos“

„Der kluge Säufer“: Franziska Steinrauch debütiert mit einem Roman über ein unbequemes Thema – und überzeugt auch ohne moralischen Zeigefinger

Franziska Steinrauch beschreibt in ihrem Debütroman Der kluge Säufer die Jahre ihres Lebens an der Seite ihres alkoholkranken Mannes. Es ist ihr Leben und ihr Ehemann, die Doppelung des besitzanzeigenden Fürworts macht deutlich, dass Abhängigkeit keine Privatsache ist.

Etliche Bücher sind geschrieben worden von Alkoholikern für Alkoholiker (und alle anderen, die es wissen wollten oder auch nicht), Süchtige beschrieben ihren Weg aus der Sucht oder ihren Verfall. Ob moderner Ratgeber oder tragischer Roman: Sehr gern setzt sich der Alkoholiker – sofern talentiert – selbst ein literarisches Denkmal. PartnerInnen, Eltern, Kinder geben die Randfiguren, manchmal wird ihnen gehuldigt, ohne dich oder dich oder dich würde ich nicht mehr leben. Aber das ist Unsinn. Es ist nicht scheinheilig und nicht verlogen und wird wohl tatsächlich so gefühlt, aber es ist Unsinn. PartnerInnen, Kinder, Eltern spielen keine Rolle im Leben des Säufers, auch nicht des klugen. Empathie ist nicht vorgesehen, höchstens Selbstmitleid, das aussieht wie Empathie – und Hoffnung macht. Der Säufer dagegen sagt (egal zu wem): „Wie schön, dass du da bist – obwohl er sich nur nach einem sehnte: allein sein, Fertigpizza essen, das erste Glas in der Küche trinken, zwei Flaschen Rotwein dann vor dem Fernseher. Dieses Säuferglück haben: Feierabend. Dann Donnerstag, Freitag und Wochenende.“

Angehörige von Abhängigen stören in der Hauptsache: Den Abhängigen selbst, den/die Therapeuten des Abhängigen und die anderen Angehörigen des Abhängigen. Sie sind immer irgendwie da, werden geliebt (was anstrengend ist), gehasst (moralisch nicht korrekt), belogen, belächelt, bedauert, beschimpft, bevormundet: Um ihm, dem Alkoholiker, zu helfen, müssen sie dies tun und jenes lassen. Wenn sie ihn lieben, sind sie wirklich selbst schuld.

Franziska Steinrauch schreibt über ihre Liebe zu Enno, dem klugen Säufer. Den sie im fast noch jugendlichen Alter kennenlernt und unbedingt haben will. Da ist er dem Alkohol zwar schon verfallen, aber sie merkt es nicht oder tut jedenfalls so, als merke sie es nicht. Später heiraten die beiden, ein ganz normales Leben wird versucht, sogar ein gemeinsamer Urlaub mit der Schwiegermutter. Sie will ein Kind, er nicht. Er trinkt meistens, sie nicht. Ihm springt die Alkoholsucht aus dem Gesicht, sie ist jung und schön. Er hat unmögliche Freunde (Alkoholiker), ihr Leben „dreht sich wie eine Schraube um das von Enno, dessen Leben um die Sucht“.

Kaum etwas wird beschönigt in diesem Buch, dennoch schont die Autorin ihre Leser. Es wird nicht moralisiert und nicht beschuldigt, und trotz der geschlossenen Form des Romans bleibt das Ende beruhigend offen. Der mitunter heitere Ton der Erzählung lässt Raum zum Aufatmen, gleichwohl möchte man das Buch in einem Zug durchlesen – und kann das auch schaffen. Man fühlt sich Franziska und Enno nahe und möchte am liebsten mit ihnen befreundet sein.

Schritt 8 der Anonymen Alkoholiker (von 12 Schritten aus der Sucht): Wir machen eine Liste aller Personen, denen wir Schaden zugefügt haben und werden willig, ihn bei allen wieder gutzumachen.

Es ist ein gutes Buch, dem man eine große Leserschaft wünscht. Vorwissen und Betroffenheit sind nicht erforderlich.

Franziska Steinrauch: Der kluge Säufer

Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke

Berlin 2012

224 S. – 9,90 Euro

Kommentare lesen und hinzufügen (2)

robert rosmiarek schrieb am 08.04.2013 um 21:55 Uhr:

ich finde das buch echt richtig gut weil ich bin bei der vorlesung am 17.03.2013 dieses jahr

robert rosmiarek schrieb am 08.04.2013 um 21:56 Uhr:

ich finde das buch echt richtig gut weil ich bin bei der vorlesung am 17.03.2013 dieses jahr

 
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