Paul Ernst Pietraß | Drucken11.02.2003 

Es gibt nichts Gutes - außer man tut es

Der reiche Poet in Leipzig, eine Glosse von Paul Ernst Pietraß

"Drei Wünsche hast du frei", pflegen gute Feen zu versprechen. Und wenn es doch noch einen Lyriker gäbe, der - trotz allem - an gute Feen glaubte, was könnte er sich da wohl wünschen? In einer Zeit, in der es mehr Schmetterlingssammler als Gedichteleser gibt, wäre der erste Wunsch mit idealistischer Sicherheit nichts weiter als ein interessiertes, gewogenes Publikum für die eigenen Werke. Schon etwas zu materialistischer Besinnung gekommen, bestünde der zweite Wunsch in jener großen Bibliothek, für die dem armen Poeten bisher schlicht die Mittel fehlten. Der dritte Wunsch aber müßte der oft beklagten Künstlerarmut sofort ein Ende machen, und zwar auf Lebenszeit.

"Schade, daß es keine guten Feen mehr gibt", könnte man da im Chor mit all den Reimexperten seufzen. Doch weit gefehlt! Seit Jahren steht ein zauberhaftes Angebot, und kein einziger Lyriker sagt "Ja" dazu. Nun dürfen Feen schon von Dienst wegen nicht zickig sein, und deshalb gilt das Angebot noch immer: Eine Lebenszeitstelle als hochdotierter Professor am renommierten, bestens ausgestatteten Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, an dem es von versmaß-versessenen Schreiblehrlingen nur so wimmelt. Ein Schlaraffenland für die sonst ach so ausgehungerten Wort-Tüftler, eine Fata Morgana in der Würste Ignoranz. Und das alles "ganz in echt"!

Doch, siehe da, keiner traut sich. Kein deutscher Bettelpoet hat es nötig - man riskiert ja auch wirklich zu viel! Das schöne, sorgsam zusammengedarbte Lumpen-Image. Das ganze Mitleid der Kulturnation, das man sich so schlecht verdient hat. Und weil alles so aschenputtel-karg bleiben soll, wie es ist, wird die gute Fee vom Freistaat Sachsen wohl noch ein paar weitere Jahre Überstunden schieben müssen, bevor das einmalige Institut aus Dozentenmangel seine Pforten schließen muß. Dann haben die armen Schreiberlinge auch endlich wieder einen triftigen Grund zum Jammern und zum Anprangern der kulturfeindlichen Politik. Und alles hat seine herrlich schlechte Ordnung. Wer glaubt schon noch an gute Feen?

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