Franziska Reif | Drucken | Kommentare (2)06.04.2008 

Der Zwiebelfisch im Irrgarten

"Sick of Sick?" von André Meinunger zeigt Wege durch die deutsche Sprache und räumt mit manchem Versehen des selbsternannten Sprachpflegers auf

Mit seinen Auslassungen über die deutsche Sprache hat Bastian Sick viele Bücher und Hörbücher verkauft und füllt bei seiner nunmehr zweiten Tour ganze Arenen. Der immense Publikumszulauf lässt darauf deuten, dass in der Bevölkerung Unsicherheit darüber herrscht, was gutes und richtiges Deutsch ist. Sicherlich ist aber auch ein allgemeines Interesse am Thema Sprache der Grund für die Popularität des Genitivs und anderer Dinge, die angeblich einer "Pflege" bedürfen. Das Problem ist nur, dass Sick nicht immer richtig liegt, manchmal sogar grobe Fehler macht und außerdem gerne eine arrogante und ignorante Attitüde an den Tag legt, die wahrscheinlich witzig sein soll, bisweilen aber kaum erträglich ist.

Nun gibt es Menschen, die sich wissenschaftlich mit Sprache beschäftigen. Einer von ihnen ist André Meinunger, der endlich eine Replik auf die leider meist unwidersprochen gebliebenen Aussagen des "Sprachpflegers" veröffentlicht hat. Nach einer kurzen, allgemein verständlichen Einführung in die Gegenstände der Sprachwissenschaft arbeitet sich Meinunger systematisch durch von Sick besprochene Phänomene der deutschen Sprache und zeigt, dass der Besserwisser der Nation nicht weiß, wie man sich in einem Irrgarten bewegt.

Sick argumentiert mit mangelhafter Kenntnis der deutschen Sprachstruktur, ihrer Geschichte und der Mechanismen, die dem Sprachwandel unterliegen. Da ist es Wörtern nicht gestattet, die Wortart zu ändern, da werden Analogien gesucht, wo es keine zu finden gibt, und Analogien nicht erkannt, wenn sie sich aufdrängen. Ohne erkennbare Begründung werden Empfehlungen für die Verwendung bestimmter Verbformen ausgesprochen und der deutsche Genitiv stirbt ausgerechnet durch den englischen. Willkürlich werden Regeln aufgestellt und widersprüchlicherweise wird in anderen Kapiteln gegen diese Regeln verstoßen. Fragen des Stils werden mit Fragen der Grammatik verwechselt und Fragen der Rechtschreibung mit Fragen der Sprache. Und viel zu oft wird viel zu schnell geurteilt. So bleibt einiges unklar, zum Beispiel warum umgangssprachliche Wendungen schlechter sind als die Hochsprache. Dieses dünkelhafte Denken ist nicht nur realitätsfremd und in vielen Lebenssituationen wie zum Beispiel in der Stammkneipe fehl am Platz, sondern blendet aus, dass die Leute mögliche Varianten und Register ihrer Sprache durchaus kennen.

Dann gibt es auch noch sprachliche Vorkommnisse, die seit Jahrzehnten in der Sprachwissenschaft thematisiert werden und für deren Lösung Ansätze entwickelt wurden. Dies wird von Sick einfach ignoriert. Stattdessen stellt er Regeln auf, wahrscheinlich unter Zeitdruck, wahrscheinlich ohne viel Reflektieren. Derartige Schnellschüsse treffen kaum ins Schwarze. Wer sich anschickt, der Bevölkerung gutes Deutsch beizubringen und damit auch noch Geld verdient, sollte gewissenhafter vorgehen und auch mal ein anderes Buch in die Hand nehmen als den Duden. Dann wäre vielleicht auch aufgefallen, dass Grammatik nicht in Kommissionen festgelegt, sondern von jedem geistig gesunden Menschen als Kind automatisch erworben wird.

Meinunger trägt eine große Anzahl von Sicks Aussagen zusammen und rückt die Missverständnisse, denen dieser erliegt, gerade. Die Widersprüche, in die er sich verstrickt, werden ebenso klar benannt wie seine Fehler. Dabei fehlen weder die Erläuterungen noch die Beispiele, die die Erläuterungen belegen. Bei aller wissenschaftlichen Genauigkeit vermeidet es Meinunger, den Laien mit Fachbegriffen und umständlichen Definitionen zu vergraulen. Vor allem begibt er sich nie auf Sicks Niveau: Er schreibt nicht gehässig oder von oben herab. Dieses pointen- und faktenreiche Buch ist äußerst empfehlenswert für alle, die sich für Sprache und ihre Verwendung interessieren, denn hier kann man von einem Experten lernen. Obendrauf gibt es biographische Informationen zu entscheidenden Vertretern der Sprachwissenschaft und kurzweilige Ausflüge in thematisch verwandte Bereiche. Es wird fachlich fundiert, auf äußerst amüsante Weise und sehr lehrreich dargelegt, in welchen Punkten Sick sich irrt, sowie in klarer Sprache begründet, warum er sich irrt. Sick of sick? ist ein unterhaltsames Büchlein, das prall gefüllt ist mit Wissen und verständlich über Sprache und ihre Phänomene informiert. Hier wird mit manchem Sick'schen Versehen aufgeräumt und der künstlichen oberlehrerhaften Empörung über vermeintlich schlechtes Deutsch die Luft weggenommen.


André Meinunger: Sick of sick? Ein Streifzug durch die Sprache als Antwort auf den "Zwiebelfisch
Kulturverlag Kadmos
Berlin 2008
176 S. - 12,80 €
www.kv-kadmos.com

Kommentare lesen und hinzufügen (2)

Kaiser Günter schrieb am 12.04.2010 um 21:48 Uhr:

21. April 2008

Der Beitrag ist hervorragend, allein die Missstandsstussschreibung schafft beim Lesen Misssstimmung.

Tobias Prüwer (Chefredakteur) antwortete am 12.04.2010 um 21:52 Uhr:
28. April 2008

Werter Herr Günter,

vielen Dank für Ihre positive Kritik. Ja, mit der Rechtschreibreform gehe ich auch nicht ganz konform und benutze privat die "alte". Aber wie Herr Hauser bereits bemerkte, gibt es Konventionen, und wir haben uns vor Jahren für die verbreitete Schreibweise entschieden. Ich sehe dies als Kompromiß und eine nicht einheitliche Orthographie im Almanach als höchst unglücklich an.

Viele Grüße,

Tobias Prüwer

Robert Hauser schrieb am 12.04.2010 um 21:50 Uhr:

24. April 2008

Das ist nun mal die derzeit gültige Rechtschreibung. Muss/muß niemand mögen, aber es gibt Konventionen, die dazu dienen, dass/daß man miteinander kommunizieren kann und eine gewisse Verbindlichkeit über das Gemeinte hat.

 
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