Tobias Prüwer | Drucken24.08.2009 

Uneingelöstes Versprechen

Stefan Kauschs "Die Regierung der Geschlechterordnung" erklärt, warum Gender Mainstreaming das soziale Geschlecht stromlinienformt

Setzen wir einen Augenblick die Stabilität der sexuellen Binarität (binary sex) voraus, so folgt daraus weder, daß das Konstrukt "Männer" ausschließlich dem männlichen Körper zukommt, noch daß die Kategorie "Frauen" nur weibliche Körper meint. Ferner: Selbst wenn die anatomischen Geschlechter (sexes) in ihrer Morphologie und biologischen Konstitution unproblematisch als binär erscheinen, (was noch die Frage sein wird), gibt es keinen Grund für die Annahme, daß es ebenfalls bei zwei Geschlechtsidentitäten bleiben muß.
Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter

Gender Mainstreaming stellt das Thema im staatlich-institutionellen wie öffentlichen Diskurs über die Geschlechtergerechtigkeit dar. Seit zehn Jahren ist es das offizielle Mittel der EU-Gleichstellungspolitik. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) betreibt eine eigene Seite, auf welcher das monströse Kompositum wie folgt definiert wird: "Gender Mainstreaming bedeutet, bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt." Demzufolge kann das Geschlecht als Ordnungsfaktor eigentlich nicht tauglich sein, da die oft behauptete Natürlichkeit zugunsten ihrer Historizität aufgegeben werden muss. Geschlechter haben Geschichte, sind keine universellen Kategorien.

Dass es mit der Geschlechtergerechtigkeit in der/den gegenwärtigen Gesellschaft/en noch nicht so weit her ist, liegt auf der Hand. Eine solche herzustellen, sei das Ziel von Gender Mainstreaming, lauten die Erklärungen seiner ProtagonistInnen. Dabei sollen dem Papier nach nicht "die Frauen" und "die Männer" angesprochen werden, sondern das Individuum in seiner je eigenen Verschiedenheit. Stephan Kausch stellt dieses Ansinnen auf den Prüfstein. Der Politikwissenschaftler betrachtet einschlägige Texte zum Gender Mainstreaming - etwa vom BMFSFJ - und untersucht sie nach den dahinter stehenden beziehungsweise inhärenten Rationalitäten. Hierzu greift er zunächst auf die Diskursanalyse nach Michel Foucault zurück, um die Ergebnisse schließlich mittels der Konzepte der Gouvernementalität (Foucault) und des Normalismus (Jürgen Link) zu bewerten.
Dabei stellt er im Wesentlichen zweierlei fest. Erstens reicht den AkteurInnen der Bezug auf die Geschlechtergerechtigkeit als Durchführungsgrund offensichtlich nicht - mag er in den Verwaltungen, Unternehmen und anderen Institutionen als zu abstrakt, zu unerheblich oder einfach nicht attraktiv genug angesehen werden. Deshalb findet sich das argumentative Arsenal um einiges erweitert. So werden insbesondere Bedenken des Mehraufwandes zerstreut, indem Gender Mainstreaming als Instrument für mehr Effizienz dargestellt wird. Es erhöhe die Zufriedenheit und damit die Produktivität der ArbeitnehmerInnen, weshalb es als Strategie der Verwaltungsmodernisierung dient. Gender Mainstreaming wird so zur umfassenden Technik des Regierens.

Nun mag man die Aufladung durch sekundäre Gründe zum Erreichen eines erstrebenswerten Zieles nicht für falsch halten. Doch hier widerspricht die zweite und gravierende Erkenntnis von Kauschs Studie: Gender Mainstreaming hält nicht, was es verspricht. Ihm wohnen nämlich Normalisierungseffekte inne, da in der Praxis starr von binärer Zweigeschlechtlichkeit auch hinsichtlich des sozialen Geschlechts ausgegangen wird. Auf diese Weise werden, etwa wenn gezielte Jugendarbeit nur für Mädchen angeboten wird, die zugrunde gelegten Genderunterschiede vielmehr zementiert denn aufgelöst. Die Förderung von Gendervielfalt ist von solchen Praxen dann nicht zu erwarten. Damit hintergehen die Strategien den eigenen analytischen Ausgangspunkt. Eine solche Regierung des Geschlechts, die schließlich nicht nur die Fremdsteuerung der Subjekte zur Aufgabe hat, sondern auch die Selbstregierung dieser mit einbezieht, trägt durch die Förderung bestimmter Selbstbilder zur Fixierung der Rollenmuster bei. So wird Gender, das als soziales Geschlecht eben wandelbar ist, reessentialisiert und auf die binäre Zweigeschlechtlichkeit des Sexes zurückgeführt. Letztlich so Kausch, "wird die Normalität einfach mit dem Gender gemainstreamt, wodurch das Problem mit seinen eigenen Waffen - dem Normalismus - geschlagen wird."

Stefan Kausch: Die Regierung der Geschlechterordnung. Gender Mainstreaming als Programm zeitgenössischer Gouvernementalität

Ulrike Helmer Verlag
Königstein//Taunus 2008

120 S. - 14,90 €


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