Tobias Prüwer | Drucken06.09.2008 

"Die Welt geht schlecht"

Joachim Fiebach untersucht die Realisierung von Machtverhältnissen durch theatrale Inszenierungen in Geschichte und Gegenwart

Die Lücke, welche der Privatexistenz vor der Kulturindustrie noch geblieben war, wird verstopft. Wie man außerhalb der Arbeitszeit kaum mehr einen Schritt tun kann, ohne über eine Kundgebung der Kulturindustrie zu stolpern, so sind deren Medien derart ineinander gepaßt, daß keine Besinnung mehr zwischen ihnen Atem schöpfen und dessen innewerden kann, daß ihre Welt nicht die Welt ist.
Theodor W. Adorno: Prolog zum Fernsehen

"Die Art und Weise, wie die Welt gegenwärtig geht, scheint einen entschiedenen Wegwechsel ... unmöglich zu machen." - In der Gesellschaft des Spektakels, wie sich Joachim Fiebachs Urteil summieren lässt, vermitteln die audiovisuellen Medien nicht allein das politische Geschehen. Sie sind selbst Teil politischer Praxis und inszenieren eine alternativlos erscheinende Wirklichkeit. Will man dieses Phänomen verstehen, so der Theaterwissenschaftler, muss man dessen Genese kennen. Deshalb verbindet er seine Kritik gegenwärtiger Machtrepräsentationen mit einer historischen Untersuchung zur Prägung der Wahrnehmung durch theatrale Konstruktionen.

Er skizziert eine Geschichte mit Unterbrechungen. Bei den attischen Dionysienspielen beginnend, welche die soziale Ordnung des Stadtstaats absicherten, führt die Spur über die mittelalterliche Logik der Gesten zu schichtenspezifischen Kleiderordnungen, versinnbildlichenden Krönungszeremonien und chinesischen Begräbnisritualen, in denen Menschenopfer durch Figürchen symbolisiert werden. Im rationalisierten Diskurs der Neuzeit setzte sich allmählich das disziplinierte, das Theatrale leugnende Bürgertheater durch. Schließlich paart sich Amüsierlust mit Konsumerismus zur At-Display-Kultur, zum Produkttheater der Passagen und Warenhäuser, das später per Fernsehapparat ins Wohnzimmer verlagert wird.

Angesichts der Durchästhetisierung der gesamten postmodernen Lebenswelt diagnostiziert Fiebach die Rückkehr vormoderner Muster: In Form des life styles zeigt sich das assoziative, symbolhafte Denken wieder als herausragendes Merkmal kommunikativer Praktiken. So findet das Individuum seinen Sinn wesentlich in der Verkörperung von Marken und der Fähigkeit wechselnde Rollen anzunehmen, ist der Schauspieler zum maßgebenden Verhaltensmodell geworden - auch in der Politik. Wenn sich etwa die Antiterrorkrieger als naturgewollte Phalanx des Guten inszenieren, treten in den mediatisierten Machtmanifestationen mythische Formen zutage. Die Überhöhung des Moments zum Monument, das ewig ist, untergräbt zudem den Geschichtssinn: Ohne Gestern und Morgen erscheint dem auf Events fixierten Zeitgeist das Gerede vom Ende der Geschichte als plausibel. Im Reich der Bilder wird Veränderung undenkbar, verschwimmt das reflektierendes Potenzial.

Im historischen Streifzug werden immer wieder theatrale Gegenbewegungen zur jeweiligen Herrschaftsrealisierung erkennbar. Sei es in den Festen, die ähnlich wie das andere Theater Horizonte zum Infragestellen des Gegebenen eröffnen, oder im Druckwesen, das bei sozialen Kämpfen die an verschiedenen Orten Streikenden als gemeinsame Akteure darstellte. Bei der Medikation für die Gegenwart bleibt der Autor verhalten. Neben dem Theater als Ort des Politischen entdeckt er in den globalisierungskritischen Großdemonstrationen etwa gegen die G8-Gipfel oder WTO-Zusammenkünfte eine theatrale Alterität, der sich auch die Massenmedien nicht entziehen können. Die digitalen sozialen Netzwerke scheinen ihm zumindest der Möglichkeit nach Gegenwelten zu bieten, in denen sich ein anderes Denken peu ? peu verwirklichen kann. Man muss dieser Einschätzung nicht folgen, um sich an der erhellenden Lektüre zu erfreuen. Mit essayistischer Verve trägt Fiebach seine Legierung aus Fachkenntnissen und Subjektivem vor. Von einnehmendem Charme ist seine klare wie elegante Sprache, in der er seine Wahrnehmungen und sein Unbehagen an der Gegenwart formuliert, um - mit Heiner Müller gesprochen - "Ohne Hoffnung, aber auch ohne Verzweiflung" etwas am Gang der Welt zu korrigieren.

Joachim Fiebach: Inszenierte Wirklichkeit. Kapitel einer Kulturgeschichte des Theatralen
Verlag Theater der Zeit - Berlin 2008
296 S. - 16,00 €
www.theaterderzeit.de

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