Steffen Kühn | Drucken28.08.2013 

Im Strom der Zeit

Im Hannah Dübgens Debütroman „Strom“ fließen fotorealistische Lebenslinien per Zufall ineinander

Manchmal glaubt man, in wenigen Wochen Geschichten für ein ganzes Jahr erlebt zu haben. Manchmal ist so viel los, dass man nicht mehr weiß, wen man wo getroffen hat, wer einem welche Geschichte erzählt hat oder ob man sie beim morgendlichen Jet nach Berlin, Hamburg oder München in den zwei allzeit bereitliegenden großen deutschen Tageszeitungen gelesen hat. Verblüffend sind immer die Zufälle im persönlichen Strom der Ereignisse: die unerwarteten Begegnungen am Flughafen, im Bordbistro oder das zufällige Stolpern über eine bis dahin unbekannte Komponistin am Tag der Uraufführung ihrer neuen Oper.

Wie sich im Leben Verbindungen ergeben – persönliche und intellektuelle –, wie diese meist zufälligen Verbindungen dann oft wesentlichen Einfluss auf unser Leben nehmen, thematisiert Hannah Dübgen in ihrem Debütroman Strom. Vier Geschichten an verschiedenen Enden dieser Welt beginnen sich, voneinander unabhängig, zu entwickeln: eine Berliner Filmemacherin in Gaza, eine japanische Pianistin in Paris, ein brasilianischer Zoologe in Tel Aviv und ein amerikanischer Investmentbanker in Tokio. Vier Geschichten über Kunst, Wirtschaft, Japan, Israel und die Palästinenser, natürlich auch über Liebe. Hannah Dübgen schildert die unterschiedlichen Lebenswelten in einer detailversessenen Genauigkeit. Eine Art verbaler Fotorealismus, der den außerehelichen Sex des brasilianischen Zoologen ebenso detailgenau beschreibt wie die Ausdünstungen der krebskranken, sterbenden Filmemacherin. Hannah Dübgen benutzt die uns täglich umgebenden Oberflächen und Stereotypen, es geht ihr nicht um die Hintergründe des israelischen Patriotismus oder den die japanische Wirtschaft immer noch bestimmenden Traditionalismus. Es geht darum, dass diese Dinge da sind und oft (zufällig) unser Leben bestimmen.

Hannah Dübgens Roman liest sich wie ein Drehbuch. Die Ereignisse treten mehr und mehr in den Hintergrund und dass sich die vier Geschichten plötzlich alle an einem Ort treffen, ist nicht wirklich wichtig. In dem Punkt unterscheidet sich Strom von ähnlichen Büchern der neuen deutschen Literatur. Dass und warum etwas passiert, steht nicht im Vordergrund, die Spannung erzeugende Wirkung generiert sich aus der Vielschichtigkeit der Charaktere, aus vier Menschen, die im Strom der Zeit versuchen, sich selbst zu finden. Der lesenswerte Roman sollte schnell einen Regisseur finden, der die detailgenauen Vorlagen in Bilder umsetzt.

Hannah Dübgen: Strom

DTV

München 2013

272 Seiten – 14,90 Euro


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