Tobias Prüwer | Drucken14.12.2008 

Flora, Fauna, Fortschritt

Mit erzählerischem Materialreichtum und freier Gestaltungsgabe lotet der Grafiker Jens Harder die oft behauptete Grenze zwischen Kunst und Comic aus

Ich muss mein Schweigen brechen, weil Männer der Wissenschaft sich weigern, meinem Rat zu folgen, ohne zu wissen, worum es geht. Nur mit größtem Widerstreben spreche ich darüber, warum ich gegen die geplante Invasion ... bin - gegen die Fossilienjagd, die ausgedehnten Bohrungen und das Abschmelzen der urzeitlichen Eiskappen. Und ich zögere umso mehr, als meine Warnung vergeblich sein könnte.
H.P. Lovecraft: Berge des Wahnsinns

Fasziniert vom Gewimmel der Tiere wie Menschen, kleinen Beobachtungen und großen Erzählungen, versteht es der Grafiker Jens Harder diese in äußerst künstlerische Comic-Geschichten und Illustrationen einzufangen. MIKROmakro stellt einige seiner Arbeiten zusammen, die in eigenartiger Schönheit erstrahlen.

Die Serie LEVIATHAN etwa ist ein Crossover aus einer freien Moby-Dick-Adaption und mythologischen Elementen. Da ringt ein Wal mit einem Kraken und verschiedenem anderen Seegetier, verschlingt urzeitliche Echsen und Fabelwesen. Schließlich treten Menschen in Booten auf, ein Titanenkampf beginnt, der symbolisch stehen mag für den oft angeführten Widerspruch von Natur und Technik. Das Meer wird hier gleichsam als jene Ursuppe dargestellt, aus der einst das irdische Leben entsprang.

Auch in weiteren Arbeiten zeichnet Harder die Widerstandslinie Mensch-Natur nach. So illustriert er eine historische Reportage über einen Schiffbruch an der namibischen Skelettküste und die Kurzgeschichte Die Flaschenpost von Edgar Allen Poe, die von einer nautischen Katastrophe berichtet. Andere Serien widmen sich allein der tierischen Welt oder was als solche erscheint, wie Kryptozoo, die Kamerafahrten durch merkwürdige Landschaften unternimmt. Deren Flora und Fauna mutet wie von extraterrestrischer Abstammung an, ist auf den zweiten Blick aber oft den Ozeanen entsprungen. Die zehn Triptychons zeigen beispielsweise Gebirge, die von einer rasant steigenden Population gezackter Quallen überschwappt wird. Diaphane Rochen schweben durch ein Archipel, irgendwelche Quastenwesen bevölkern ein anderes Tableau. Verschiedene eher drollige Tierarten gibt das Faunarium wieder. Und ALPHA, erster Teil einer angelegten Trilogie, unternimmt den ambitionierten Versuch, die Evolutionsgeschichte grafisch nachzuerzählen.

Harders Arbeiten sind detailreich und mit vielen Anspielungen versehen. So stellt eine Phalanx aus Pferden, die aus einer Meereswelle erwächst, die Macht der Fluten dar. Das zitierte Floß der Medusa (Théodore Géricaults) zeigt Schiffbrüchige, die nach dem Kampf mit einem Seeungetüm in den sturmumtosten Strömen unterzugehen drohen. Die Nachzeichnung des historischen Frontispiezes von Hobbes Leviathan verweist auf dessen Entwurf eines Gemeinwesens, in dem jede und jeder seine Freiheit - bis auf die Verfügung über die körperliche Unversehrtheit - zugunsten allgemeiner Sicherheit an einen allmächtigen Souverän abgibt. Die vermeintlich naturwüchsige Barbarei des Menschen soll derart im zivilisatorischen Fortschritt des Staates aufgehoben werden.

Mit erzählerischem Materialreichtum und freier Gestaltungsgabe lotet Harder die oft behauptete Grenze zwischen Kunst und Comic aus. Dabei könnten seine faszinierenden Zeichnungen ebenso Bilder einer Ausstellung sein wie für Comicalben gemacht.

Jens Harder: MIKROmakro. Lebensformen und Lebenswelten auf Papier
Verlag für moderne Kunst Nürnberg
Nürnberg 2007
112 S. - 28 €
www.vfmk.de

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