Tobias Prüwer | Drucken03.05.2012 

Intime Protokolle

Der Fotoband „Selbst(er)findung“ zeigt, wie unterschiedlich sich Menschen ihren Leibern nähern

Wir selber wollen unsere Experimente und Versuchs-Thiere sein.
Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft

Dass der Mensch auch aus nichtmedizinischen Gründen an sich herumschnippelt, scheint normal zu sein. Während in Ägypten letztens der Politiker einer islamistischen Partei zurücktreten musste, weil seine Nasenkorrektur aufflog, wurde hier nur diskutiert, wie sich schadhafte Silikonimplantate ersetzen lassen. Der Umstand, dass sich so viele Menschen unters Skalpell der Schönheitsindustrie legen, wird noch selten kritisiert. Und doch sind Körperveränderungen nicht völlig akzeptiert, gerade wenn sie unkonventionellerer Art sind. Menschen mit solchen selbst gewählten Körperspuren zeigt der Fotoband Selbst(er)findung von Magic Zyks.

In nicht hyper-durchkomponierten, manchmal gar schnappschussartigen Bildern und Posen zeigen sich Menschen, die vom christlichen Gebot, sich kein Zeichen auf der Haut zu machen, nicht abschrecken ließen. Man sieht Tattoos und Piercings, Implantante und Vernarbungen, Striemen und Fesselungen, aufgespritzte Brüste und Korsagen. Neben den unverblümten Fotos berichten die elf abgebildeten Menschen – in der Mehrzahl Frauen – offen über ihr Körperverhältnis sowie über ihre Vorlieben und Bedürfnisse beim Zurechtschneidern des Leibes. Dabei zeigt sich eben auch, dass es das eine Motiv für eine BodyModification nicht gibt. Mal dient sie wie eine Rüstung gegen die Umwelt oder als Abnabelungsmittel in der Pubertät. Andere unterstützen ihre Attraktivität mit ihnen, steigern den Lustgewinn oder machen es einfach so. Und das ist das Schöne an diesem Buch – es lässt alle als zulässig im Raum stehen, sortiert, wertet nicht, lässt die Menschen in diesen intimen Bild- und Textprotokollen einfach Mensch sein.

Magic Zyks: Selbst(er)findung

UBooks

Augsburg 2011

141 S. – 17,95 Euro


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