Holger Leisering | Drucken | Kommentar (1)06.04.2019 

Drei Generationen Alto Adige

Francesca Melandris „Eva schläft“ erzählt auf spannende Weise von der Geschichte Südtirols

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Als Francesca Melandris Eva schläft 2010 in Italien erschien, eröffnete sie damit ihre Trilogie der Väter. Im selben Jahr schon gab es die deutsche Erstausgabe auch in deutscher Sprache, 2018 das Taschenbuch bei Klaus Wagenbach, das dieser Besprechung zugrunde liegt. Die 1964 in Rom geborene Melandri schrieb zahlreiche Drehbücher, ehe sie sich dem Genre des Romans zuwandte. Ihr wurde der Große Verdienstorden des Landes Südtirol verliehen. Warum, das weiß, wer diesen Roman liest.

Verhandelt wird in Eva schläft nicht weniger als das Trauma Südtirols – italienisch Alto Adige – und seiner Bewohner. Die Protagonistin Eva erscheint uns im Roman so lebensecht, dass es schon erstaunt, wenn diese Figur nicht völlig autobiografisch sein kann, weil die Autorin im Gegensatz zur Fiktion des Romans nur 15 Jahre in Südtirol gelebt hat.

Eva wächst als uneheliches Kind ihrer Mutter Gerda Huber auf. Ihr Umfeld ist das vom Faschismus gezeichnete Italien, das von deutschen Minderheiten mit besonderer Härte erlebt wird. Deutsche in der Diskriminierung, dass klingt in der Zeit von 1933 bis 1945 zunächst paradox, erklärt sich aber aus der Politik, die Südtirol in drastischer Weise zu italienischem Staatsgebiet erklärte.

Wir lesen heute – aus historischem Abstand – von den unsäglichen Gräueln des Krieges, jede Schülerin und jeder Schüler bekam seit Kriegsende vermittelt, was Krieg, Faschismus und Holocaust bedeuten. Was macht nun die Nachkriegsgeschichte Südtirols so einzigartig? Die Bewohner sprechen Deutsch, sie fühlen sich nicht in Italien und keineswegs im Deutschen Reich heimisch, sondern vielmehr der Donaumonarchie zugehörig. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs treffen Mussolini und Hitler den Pakt, die Deutschen auszusiedeln. Unter Jubel und Hakenkreuzfahnen ziehen die aus, die optiert haben, die also zum Wegzug genötigt wurden. Sie sollen im Reich mindestens einen gleich großen Hof und Ackerland bekommen.

Nicht alle ziehen ins Ungewisse, viele bleiben auf ihrem kargen, rauen, oft nicht übermäßig ertragreichen Land, wollen ihre Scholle nicht verlassen. Sie werden die Dableiber genannt. Eigentlich scheint es eine Bagatelle gegenüber den Opfern von Wanderungsbewegungen des 20. Jahrhunderts. Nach dem Krieg waren 14 Millionen Deutsche aus Schlesien und Ostpreußen auf der Flucht, viele Menschen mit Entwurzelung, Zwangsumsiedlung und neuen Anfängen konfrontiert. Die Vertreibung und der Genozid durch deutsche Wehrmacht und SS im Faschismus werden nach dem Krieg wichtiger Bestandteil antifaschistischer Aufklärung und Umorientierung. Es ist vielleicht verständlich, dass der Fokus so stark auf diese Kriegsverbrechen und Vertreibungen in Osteuropa ausgerichtet ist, dass die ungerecht behandelte Minderheit in Südtirol wie eine Randerscheinung wirkt.

So lesen wir auch gleich auf Seite eins des Buches, dass der italienische Ministerpräsident Mariano Rumor 1968 nach einem Ferienaufenthalt im Pustertal ausrief: „Na so was, die da oben sind ja alle Deutsche!“ Die sogenannten Dableiber, die also Südtirol nicht freiwillig verlassen wollten, wurden diskriminiert, etliche brutal zusammengeschlagen. Deutschunterricht gab es heimlich in der Katakombenschule. Deutsch in der Öffentlichkeit zu sprechen war verboten. Die Formulare und Anträge bei den Behörden waren auf Italienisch, das die einfachen Bergbauern nie gelernt hatten und nicht verstehen konnten. Die Lebensbedingungen waren hart, Bitterkeit bereitete den Nährboden für Umsturzfantasien und Terrorismus. Das Nachkriegs-Italien war nicht frei von faschistischem Verhalten. Im Buch erfahren wir, wie nach einem terroristischen Akt Vergeltung an Zivilpersonen gefordert wurde. Nur die Befehlsverweigerung eines Einzelnen verhinderte das Massaker.

In all diesem Schlamassel wächst Eva auf. Die Mutter Gerda, selbst noch ein halbes Kind, wird für eine Stelle in der sich gerade wieder belebenden Tourismusbranche, in einem Hotel in Bozen, geworben. Der wortkarge Vater entgegnet auf die Anfrage des Werbers nur: „Passt schon!“ Gerda verrichtet härteste Arbeit, beginnt auf der untersten Sprosse der sozialen Stufenleiter, die ungelernten alleinstehenden Mädchen werden im Jargon des Hotels „Matratze“ genannt. Ihr Kind wird aber nicht etwa als Ergebnis promiskuöser, ausufernder Sexualität geboren. Der Kindsvater, Sohn des umtriebigen und weltgewandten Hoteliers und Betreibers der ersten Station für Skilifte im Ort, bekennt sich nicht zu ihr, verweigert sich seinem Kind. Der ehemals vergleichsweise wohlhabende Huber-Bauer, Gerdas Vater, hat nämlich Paul Staggels Vater, der vom Acker auf dem Steilhang nur das Nötigste erwirtschaften konnte, noch aus der Zeit seiner Armut gekannt. Das nimmt er übel, es ist ihm unangenehm. Skilift und Hotel haben aus seinem kärglichen Acker eine Goldgrube gezaubert. So schickt er den Sohn zum Studieren ins Ausland und redet dem labilen jungen Mann seine Heirat mit Gerda aus. Die Familie gilt ihm sowieso als unanständig, zumal Gerdas Bruder Peter als Terrorist gilt und für den Hotelier steht fest: Bomben vertreiben die Touristen.

Das Kind, das zunächst alle Kollegen niedlich finden, behindert im Hotel bald zwangsläufig den Arbeitsablauf, stört im Schlafsaal. Gerda fährt ins Dorf und hat drei Tage Zeit, ihre Angelegenheiten zu klären. Von Verwandten abgewiesen, kommt ihr letztlich die Familie Stagelmaier zu Hilfe, die junge Ruthie umarmt – selbst noch ein Kind– das Baby Eva. So wird sie in Liebe und Zuneigung von dieser Familie adoptiert, in der es schon dreizehn Kinder gibt. Dennoch wartet die heranwachsende Eva viele Nachmittage an der Bushaltestelle, sehnt die Ankunft der Mutter herbei. Wenn die Saison pausiert und die Urlauber ausbleiben, kommt die Gerda aus Bozen für zwei Monate ins Tal gereist. Die Mutter kann für das Essen und die Unterkunft, für ihre Aufenthalt im Dorf bezahlen, verdient ihr eigenes Geld. Aber es ist Nachkriegszeit und außerdem sind alle katholisch – auf bigotte Art, also in jener Erstarrung, die Eva zu spüren bekommt, als ihr bester Freund Ulli sich aufgrund seiner Homosexualität umbringt. Hier friert man in der sozialen Kälte und Borniertheit, wird geradezu paralysiert. Der Roman leistet in der Reproduktion für die Leserschaft solcherlei präzise Arbeit, dass man ihn sich manchmal fast weniger aussagekräftig, weniger gut in der Abbildung des Leids wünscht.

Einmal wird die kleine Eva, vollkommen überraschend, von ihrem Bruder Peter auf einen Ausflug mitgenommen. Der Vorsitzende der Volkspartei, Silvius Magnago, spricht vor tausenden Südtirolern auf der Burgruine Sigmundskron. Gerade dieser Silvius Magnago, der mit diplomatischen Mitteln für die Autonomie Südtirols kämpft, wird oft missverstanden. Die Kommentatoren des Fernsehens und Radios betonen, dass er Wehrmachtsoffizier war. Dabei ist für ihn oberste Maßgabe in der Auseinandersetzung, wie er ausdrücklich sagt, die Unversehrtheit des Andersdenkenden zu gewährleisten.

Die Aufarbeitung und Differenzierung des Konflikts durch die Politik währt noch Jahre. Tirol und die deutschsprachige Minderheit werden erstmals wahrgenommen, als es zu einem Prozess gegen die Terroristen kommt, die Fernsprechmasten in die Luft gejagt haben. Im Publikum der Gerichtsverhandlung sitzen auch linke Studenten, die neugierig auf diese „Bumser“ aus der Tiroler Feuernacht geworden sind. Auf diese Bergbauern, deren Sympathisanten sich mit Federn am Hut und in Trachtengewändern des vorigen Jahrhunderts präsentieren, fällt durch die Anschläge erstmals mediale Aufmerksamkeit. Im Verlaufe des Romans und der geschichtlichen Realität werden es bald keine Bauern und Gewerbetreibenden mehr sein, die die Bomben basteln. Bald tummeln sich die unterschiedlichsten Strömungen von Kommunisten bis zu Alldeutschen in Südtirol, operieren oft von jenseits der Grenze in Österreich, so dass ihnen die oft unerfahrenen und mangelhaft ausgebildeten Carabinieri aus Mailand oder Sizilien eher hilflos gegenüberstehen.

Einer dieser Carabinieri verliebt sich in Gerda, interessiert sich für das Kind und wäre gern ein guter Vater für Eva geworden. Auch diese Beziehung scheitert, weil das Dienstreglement gemischt-ethnische Heiraten nicht erlaubt und weil Peter, der Bruder Gerdas, als Terrorist gilt. Eva ist elf Jahre, als sie verstehen muss und nicht verstehen kann, doch keinen Papa zu haben. Seine Briefe werden Eva nie erreichen, werden von der Mutter unterschlagen. Erst Jahre später erfährt Eva davon, hört sie den Text von einer Tonbandkassette: „Aber Mädchen in deinem Alter brauchen auch einen Vater, und wenn du willst, könnte ich so etwas für dich sein […]“ Als erwachsene Frau erhält sie einen Anruf von eben jenem Beinahe-Vater Vito, den sie noch einmal sehen will. Wir reisen mit ihr in ein Italien, das für sie nicht mehr unverständlich und fremd ist.

Wie die Eva des Romans kommt auch Südtirol aus der Nachkriegsgeschichte im Konsens gesamt-europäischer Realität an. Aktuell ist es in Südtirol eher nicht von Nachteil, Deutsch zu sprechen. Eva ist am Ende in beiden Sprachen zu Hause. Somit ist der Roman ein wichtiger Beitrag zur Identitätsfindung und zum gleichberechtigten und friedlichen Miteinander in Südtirol.

Es wird in Eva schläft angegeben, dass die Protagonistin als Galeristin arbeitet. Von Kunsthandel und Malern erfahren wir allerdings wenig, da diese etwas dünn geratene Kostümierung wohl nur vorgeschützt wird, die Eva des Romans scheint doch recht autobiografisch geprägt. Das Ganze ist spannend genug und vermittelt Geschichte. Ich empfehle den Roman zur Lektüre, eventuell zweimal zu lesen.

Francesca Melandri: Eva schläft

Aus dem Italienischen von Bruno Genzler

Wagenbach

Berlin 2018

440 Seiten, 15,90 Euro


Kommentare lesen und hinzufügen (1)

Kristin Teichert schrieb am 11.05.2019 um 12:43 Uhr:

... Melandri ist für mich eine Entdeckung. Ich lese gerade "Alle, außer mir" und bin beeindruckt von dem Spannungsbogen, der auf so unglaublich weitem historischem Terrain die Geschichte zusammenfügt.

 
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