Steffen Kühn | Drucken24.04.2012 

Ein visuelles und intellektuelles Fest

Franz Hessels „Der Kramladen des Glücks“ ist eine überaus ansprechende Lektüre

Franz Hessel, 1880 in Stettin als Sohn eines Bankiers geboren, gibt 1913 seinen ersten Roman heraus: In Der Kramladen des Glücks schildert Franz Hessel eine Jugend, die seiner eigenen sehr verwandt ist. Den Protagonisten des Romans, Gustav Behrendt kann man als Alter Ego des Autors sehen: Nach der Schulzeit in Berlin studiert der Knabe erst in Freiburg, später in München gerät er in die Kreise der Künstler-Boheme der Jahrhundertwende. Soweit der Bogen des Romans. Franz Hessels Leben geht natürlich weiter: Nach einem Aufenthalt in Paris lebt er ab den 20iger Jahren als Autor, Lektor und Übersetzer in Berlin. 1938 verlässt er Deutschland, wird 1940 in Frankreich interniert und stirbt 1941 nach einem Schlaganfall in Sanary-sur-mer. Leider sehr früh ist der deutschen Literatur ein großer Schriftsteller verloren gegangen.

Es ist schwer in Der Kramladen des Glücks zwischen dem Autor und dessen Leben und dem eigentlichen Roman zu trennen. Wir versuchen uns auf letzteres zu konzentrieren. Gustav Behrendt wird in eine sorgenfreie Welt hinein geboren, bis seine Mutter stirbt: „Der liebe Gott hat Mutter weggeholt. Und das Schwesterchen hat er auch weggeholt in seinen Himmel.“ Der zartbesaitete Gustave verliert in dieser Zeit auch den Glauben an Gott, für den jüdischen Jungen eine doppelte Belastung. Bevor er überhaupt erfassen kann, was Jude sein bedeutet, verliert er das spontane Kindervertrauen, völlig verständnislos steht er künftig der Stigmatisierung als Jude gegenüber, sozusagen als unbeteiligter Zuschauer, ein Zustand der zu seinem Lebensgefühl werden soll. „Ich habe schon Freude, aber nicht am Leben, will sagen nicht an meinem Leben. Ich habe Freude an Dingen die mich nichts angehen.“ Franz Hessels Protagonist Gustav Behrendt lebt sich in einem Reigen an Begegnungen von einer Hoffnung in die Nächste. Er kann sich nicht festlegen, weder in Anschauungen noch in Beziehungen. Gustav schwebt über den normalen Abhängigkeiten, eine Melancholie, die er in einer persönlichen Leichtigkeit sublimiert. Freunde und Freundinnen stößt er damit nicht selten zurück. „Er wollte ja nur mitlieben, mithelfen, Glück zu schaffen und schönes Dasein.“

Gustavs von allen finanziellen Sorgen freies Leben passt in keine Schublade. Er erliegt nicht dem dandyhaften Zwang von allen geliebt werden zu müssen. In die Verzweiflung eines Melancholikers gerät er nicht, da er seine Wünsche und Sehnsüchte einfach nicht fixiert. Staunend genießt er die Zufälle des Lebens. Der Roman zieht vor einem vorbei wie eine fantastische Landschaft beim Zugfahren, der Leser ist ganz Beobachter, keine Spannungen oder Konflikte werden ihm zugemutet. Ein Roman nur über das Wünschen, Sehnen und Träumen!

Der 14. Band der Reihe Lilienfelddiana ist mit einem formidablen Nachwort des Autors Manfred Flügge versehen. Flügge ist in der Zeit Gustavs/Franz Hessels bestens zu Hause, er hat Biographien von Heinrich Mann, Martha Feuchtwanger und anderen Emigranten vorgelegt, außerdem verfasste er 2012 eine Biographie über den Sohn Franz Hessels Stephane Hessel – ein glücklicher Rebell. Nicht nur inhaltlich ist dies Nachwort eine Freude und Genuss, Manfred Flügges Sprache scheint vom Werk Hessels eingefärbt zu sein, das Wünschen und Sehnen dringt aus jeder Wortsilbe. Aber damit nicht genug. Gestaltet ist das Buch mit der Arbeit Unter Platanen von Ruth Habermehl. Ruth Habermehl arbeitet mit Collagen und Cut-Outs, dazu sammelt sie Bildmaterial aus allen Gebieten und Epochen, um diese dann mittels einer eigenen Collagetechnik in neue ästhetische und inhaltliche Zusammenhänge zu stellen. Ein visueller „Kramladen“ der den Roman in kongenialer Weise ergänzt und weiterdenkt. Dieses Buch des Lilienfeld-Verlages ist inhaltlich, intellektuell und visuell ein bibliophiles Fest, glücklich ist man, nachdem man es gelesen hat!

Franz Hessel: Der Kramladen des Glücks

Lilienfeldiana Band 14
Lilienfeld Verlag – Düsseldorf

300 S. – 21,90 Euro


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