Fabian Stiepert | Drucken27.09.2011 

Ein Roman fürs Public Viewing

Christoph Hein liest aus seinem neuen Roman „Weiskerns Nachlass“ im mehr als gut gefüllten Haus des Buches Leipzig – Einsendung zum Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik 2011*

Lesungen sind umstritten. Es gibt große Literaturliebhaber, die die Dichterlesung meiden, um auf gar keinen Fall in einen Personenkult zu verfallen, sobald sie eines ihrer lebenden literarischen Idole live sehen. Anderen erscheint die Vorstellung, einem Autoren zuzuhören, der rund anderthalb Stunden fast nur mit sich selbst kommuniziert, als langweilig. Letztere waren wohl noch nie auf einer Lesung. Dann wüssten Sie, dass meistens auch ein kurzes Gespräch mit einem Kulturjournalisten oder einem Verlagsmitarbeiter dazugehört. Dieser Part ist häufig ganz entscheidend dafür, ob das Publikum zufrieden von der Lesung nach Hause geht. Denn das Gespräch mit dem Autoren belegt, ob seine Eloquenz über das geschriebene Wort hinausgeht und ist zeitgleich ein Beweis dafür oder dagegen, ob man es als Zuschauer nicht doch nur mit Live-Teleshopping zu tun hat, bei dem es darum gehen soll, dass jeder Zuschauer nach der Lesung ein Exemplar des vorgestellten Buches am Bücherstand kauft.

Wenn auch das Publikum Fragen an den Autoren stellen darf, dann erlebt man die Lesung als ein Ereignis dessen, was in den Feuilletons immer wieder gern als öffentliches Leben bezeichnet und aufgrund der immer stärker aufkommenden sozialen Netzwerke gleichzeitig auch tot gesagt wird. Somit ist die Veranstaltungsform der Lesung nicht nur umstritten, sondern auch hinsichtlich ihres demokratischen Potenzials unterschätzt. Schade, dass die Möglichkeit der Frage-Antwort-Interaktion zwischen dem Publikum und Christoph Hein an diesem Montag im Haus des Buches nicht gegeben ist. Es hätte interessant werden können. Doch dazu später mehr.

Wer an diesem Abend das Haus des Buches betritt ist erstaunt über so viel Andrang. Christoph Hein gehört durchaus zu den Schriftstellern, die bei Kritik und Publikum gleichermassen beliebt sind, trotzdem zeugt dieser Menschenauflauf davon, dass es Christoph Hein den Leipziger Lesern ganz besonders angetan hat. Nicht umsonst hat man im Café des Veranstaltungsortes eine Videoleinwand aufgestellt, auf der fast 150 Menschen die Lesung verfolgen, weil sie keine Karte mehr erhalten haben. Sowas hat man in dieser Stadt zuletzt vor zwei Jahren erlebt, als die frisch gekürte Nobelpreisträgerin Herta Müller die Leipziger Poetikvorlesung abhielt und viele Menschen, denen kein Platz mehr gewährt werden konnte, im Treppenhaus des alten Rathauses sich auf ein literarisches Public Viewing einliessen.

Das Publikum auf der Lesung von Christoph Hein ist, was niemanden erstaunen sollte, durchgängig älter. In der Schlange für die Karten steckt eine Dame mitte Fünfzig einem Bekannten, der ungefähr Ende zwanzig zu sein scheint, eine Eintrittskarte, die sie noch übrig hat, zu. „Das ist der belesenste junge Mann, den ich kenne. Der muss da einfach rein.“, sagt sie lächelnd. Im Saal selbst entdeckt man zwischen den älteren Besuchern noch ein paar jüngere Gesichter. In den ersten Reihen sitzt eine Studentin, ganz in schwarz gekleidet. Neben ihr nimmt eine ältere Dame mit blauer Strickmütze und grauen Haaren Platz. Die beiden umarmen sich innig. Scheinbar haben die beiden sich länger nicht gesehen. In welchem verwandschaft- oder freundschaftlichem Verhältnis die beiden zueinander stehen, bleibt unklar. Nach ungefähr zehn Minuten angeregtem Gespräch zwischen den beiden Frauen aus verschiedensten Generationen, passiert etwas bemerkenswertes. Die schwarzhaarige, jüngere Frau zieht ihre Sweatjacke aus und präsentiert der älteren, grauhaarigen Dame ihren neu tätowierten Rücken. Die ältere Dame nickt erstaunt, tastet längere Zeit mit beiden Händen die Tätowierung -eine Krone und darunter einen mit rotem Samt überzogenen Thron- ab. Ob sie so etwas, wenn sie heute nochmal jung wäre, auch machen würde? Allein diese Momente, in denen öffentlich Generationsschwellen überwunden werden, machen die Lesung zu einem gelungenen Abend. Auch wenn Christoph Hein zu diesem Zeitpunkt noch keinen einzigen Satz vorgelesen hat. Auf welchen anderen kulturellen Veranstaltungen sind solche Szenen wie die zwischen der Studentin und der älteren Dame zu beobachten?

Als Christoph Hein wenig später erscheint, geht es natürlich nicht direkt los. Erst einmal gibt es die obligatorischen Grußworte an den Autor und das Publikum, gesprochen von der Kuratorin Birgit Peter. Es ist ja immerhin „Saisoneröffnung“ im Haus des Buches ohne das genauer erklärt wird, was das eigentlich bedeuten soll. Man hofft, dass es bei einer Ansprache bleibt. Aber Raimund Fellinger, der Lektor von Christoph Hein und, wie man nicht zu betonen vergisst, auch gleichzeitig Cheflektor bei Suhrkamp, muss auch noch („Aber nur ganz kurz!“) ein paar Worte über den geschätzten Autoren verlieren. Schließlich hat man Christoph Hein vor vielen Jahren dem Aufbau-Verlag abspenstig gemacht. Dafür darf man sich auch mal öffentlich auf die Schulter klopfen. Dann endlich liest Christoph Hein drei Kapitel aus „Weiskerns Nachlass“, einem Roman über einen Dozenten der Kulturwissenschaft mit „halber Stelle“, einer Passion für Mozarts Librettisten Friedrich Wilhelm Weiskern und pessimistischer Haltung seinem eigenen Beruf gegenüber. Rüdiger Stolzenburg ist scheinbar die nächste große Männerfigur in Heins Gesamtwerk seit dem Autohändler Willenbrock im gleichnamigen Roman von 2000, der fünf Jahre später von Andreas Dresen verfilmt wurde und damit die Vorlage übertraf. Christoph Hein liest die Kapitel mit routinierter Leidenschaft. Das Buch scheint ihm wirklich am Herzen zu liegen, was den Einblick in den heutigen Universitätsbetrieb anbelangt. Es wird häufiger gelacht im Publikum. Einerseits, weil „Weiskerns Nachlass“ ein heiterer Roman ist, andererseits, weil Hein weiss, wie er die Pointen zu setzen und zu präsentieren hat. Zugleich wirkt Hein selbst in seiner schlaksigen und etwas unkontrollierten Bewegung kombiniert mit dem ständigen Hochschieben der Brille wie eine Figur von Loriot. Das Klischee des „Etwas lauter, bitte!“ rufenden Publikums kommt aber erst im Gespräch zwischen ZEIT-Redakteurin Evelyn Finger und Christoph Hein zum Tragen.

Als Evelyn Finger die Bühne betritt freut sich das Publikum auf ein angeregtes und dynamisches Gespräch zwischen zwei Partnern auf Augenhöhe. Diese Vorfreude wird jäh zerstört. Evelyn Finger, die sonst die Sparte „Glauben und Zweifeln“ (von Christoph Hein schlicht als „Kirchenseite“ bezeichnet) in der ZEIT betreut, wirkt auf der Bühne wie eine Religionslehrerin, die gerade erst das Referendariat hinter sich gebracht hat. Was nicht heissen soll, dass ihr hiermit alle Sympathiewerte abgesprochen werden sollen. Wer aber alle Fragen auf Karteikarten notiert und diese fast im Flüsterton sprechend und mit unnötigen Sprechpausen stur abarbeitet, der darf sich auch nicht wundern, wenn das Publikum kopfschüttelnd im Saal sitzt oder teilweise schon vor Ende der Lesung den Saal verlässt. Deshalb ist es auch so schade, dass das Publikum keine Fragen stellen durfte. Es hätte die gesamte Situation wohltuend aufgelockert und Evelyn Finger hätte sich nicht nur auf ihren teilweise etwas übergenau recherchierten Fragenkatalog verlassen müssen. Zumal Christoph Hein trotz der angespannten Situation die Fragen beherzt und motiviert beantwortet hat.

Dieser Abend im Haus des Buches hat letzten Endes eines klar und deutlich gezeigt: Wenn hunderte Menschen zu einer Lesung gehen, dann ist dies nicht einfach nur irgendeine Veranstaltung für die ausgewählten Bildungsbürger der Stadt. Lesungen sind ein wichtiger und nicht zu leugnender Teil des öffentlich-kulturellen Lebens und ein Zeugnis des generationsübergreifenden, nicht abebben wollenden Interesses am gedruckten Wort. Kommen Sie wieder, Christoph Hein! Vielleicht sind das nächste mal noch mehr Leute da.

Christoph Hein: Weiskerns Nachlass

Suhrkamp 2011

24,90€


* Der Text wurde für den Schreibwettbewerb „Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik 2011“ eingereicht, der jährlich vom Leipzig-Almanach auslobt wird. Die Almanach-Redaktion veröffentlicht im Nachgang des Wettbewerbs ausgewählte Einsendungen in unredigierter Fassung.


Rückblick auf die Verleihung des Friedrich-Rochlitz-Preises für Kunstkritik 2011

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