Tobias Prüwer | Drucken07.05.2008 

Für eine mehrdimensionale Weltpolitik

"Jenseits des Terrors" gibt als kompakte Thesen-Sammlung zur Weltpolitik einen fundierten Überblick auf globale Probleme

Das bedeutet aber weiterhin, dass die Wahl des Heilrituals auch von der Natur der Geister abhängt und von der Besessenheit, die sie hervorbringen. In einer durch verschiedene, unter dem Stichwort ?Globalisierung' zusammengefasste politische, ökonomische und soziokulturelle Prozesse kleiner gewordenen Welt kommt es schneller und häufiger zur Durchmischung. Die Fronten sind unklar - unter den Geistern genauso wie unter den Menschen.
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"Terrorismus ist im 21. Jahrhundert für die freien Demokratien die größte Bedrohung." - Dieses Urteil der Bundeskanzlerin Angela Merkel teilen unisono viele PolitikerInnen der westlichen Welt. Bei soviel Einsilbigkeit muss uns allen eigentlich klar sein, wo der Feind steht. Dann müssen wir nur noch mit fliegenden Fahnen gegen die Achse(n) des Bösen ins Feld ziehen und die wesentlichen Probleme sind aus der Welt geschafft. Dass wie so oft auch in diesem Fall die Dinge nicht so einfach liegen, zeigt Jenseits des Terrors.

Nun verneinen Chris Abbott, Paul Rogers und John Sloboda in ihrem Buch keineswegs, dass der Terrorismus eine Gefahr darstellt und sie plädieren auch für keine Appeasementpolitik. Das Autorenteam von der Oxford Research Group weist aber die Sichtweise als unterkomplex aus, den Terrorismus als alleinige oder gefährlichste Bedrohung der Menschheit darzustellen. Sie sehen neben diesem vier große Problemfelder als zentral an, die es in naher Zukunft zu lösen gilt: den Klimawandel, die Konkurrenz um Ressourcen, die Militarisierung und den Ausschluss der Weltmehrheit. Diese anderen Problembereiche werden weitgehend verkannt, weshalb sich jenes "Kontrollparadigma" etablierte, das die derzeitige weltpolitische Lage beherrscht: Die Konzentration auf den so genannten Krieg gegen den Terror, mit allen militärischen Mitteln und sicherheitspolitischen Abschottungsverfahren. Dieses Paradigma ist allerdings lediglich ein reagierendes Prinzip, dass den Ursachen der Probleme nicht auf den Grund geht. Dem stellt Jenseits des Terrors ein Konzept "zukunftsfähiger Sicherheit" gegenüber, das eben nicht aus der Perspektive der westlichen Länder gewonnen werden kann, sondern die Sicherheitslage für alle Menschen der Welt in den Blick nimmt.

Die Autoren schlagen kurz skizziert Folgendes vor. Um die Basisversorgung dauerhaft zu sichern, müssen neben der gerechteren Verteilung der Ressourcen besondere Bemühungen hinsichtlich des Recyclings von Rohstoffen und der Entwicklung alternativer Energiequellen angestrebt werden. Letzteres ist demzufolge gleichermaßen von Bedeutung für das Abbremsen des Klimawandels, denn dieser wird massiv durch den CO2-Ausstoß befeuert, der bei der Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen entsteht. Eine ernsthafte Bekämpfung der globalen Armut ist unabdingbar um die Marginalisierung der Massen zu beheben. Zu dieser sollen beispielsweise eine konsequentere und klügere Entwicklungshilfepolitik sowie Schuldenerlasse führen. Die weitere Entwicklung von Biowaffen muss gestoppt werden, die Abrüstung nuklearer Waffensysteme erfolgen und die mögliche Weitergabe letzterer an Dritte verhindert werden. Und gegen den Terrorismus müssen neben kurzfristigen militärischen und polizeilichen Strategien die Anliegen der Ausgegrenzten erkannt und respektiert werden und - wenn möglich - der Dialog auch zu Terroristen aufgenommen werden. Denn nur mit solcher Politik sind potenzielle Unterstützer des Projekts Terror an ihrer Mitarbeit oder Sympathie zu hindern. Neben den Vorschlägen für die "Große Politik" ruft das Autorenteam den einzelnen Menschen zur Mäßigung in Konsum und Verbrauch auf, zur Wiederverwendung von Gütern und zum Energiesparen. Darüber hinaus plädieren sie für zivilgesellschaftliches Engagement etwa in Nichtregierungsorganisationen und das Einwirken auf die jeweiligen politischen Vertreter wie Abgeordnete. Hierzu findet sich im Anhang des Buches eine etwas willkürlich zusammengestellt wirkende Liste, die diverse gemeinnützige Institutionen enthält.

Klar strukturiert und sprachlich leicht verständlich gibt die kompakte Thesen-Sammlung zur Weltpolitik einen fundierten Überblick auf einer alternativen Sichtweise auf globale Probleme. Ist die jenseits von Schwarz-weiß-Malerei und manichäischer Gut-Böse-Differenz getroffene Analyse griffig und in sich schlüssig, so sind die Vorschläge eher verhalten. Etwas Anderes lässt sich jedoch angesichts der komplexen Sachverhalte nicht erwarten und die Autoren tun gut daran, keine einfachen Lösungen zu präsentieren. Solche gibt es schon genügend, und gerade sie tragen zur Malaise bei. So ist der Band politisch Interessierten Informationsquelle und Diskussionshilfe zugleich und bietet mit leichtem Zugriff erste Orientierung. Dabei ist der Text von einem vernünftigen Ton getragen, der die leise Hoffnung nicht im Keim erstickt, dass der Friede - um es mit Kant zu sagen - "keine leere Idee" ist.

Chris Abbott, Paul Rogers & John Sloboda: Jenseits des Terrors. Was unsere Welt wirklich bedroht
Edition Nautilus
Hamburg - 2008
121 S. - 10 €
www.edition-nautilus.de

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