Fabian Stiepert | Drucken18.12.2012 

Ein Buch unterm Baum

Kaum etwas anderes wird so häufig verschenkt wie ein „gutes Buch“. Ein paar Geschenktipps kurz vorm Fest


Für abenteuerlustige Leser

Seit Jahren ist er ein Geheimtipp, doch dank der Nominierung für den deutschen Buchpreis gelangte er dieses Jahr hoffentlich nicht nur zeitweise zu etwas mehr Prominenz in der deutschen Literaturlandschaft. Ernst Augustin wäre eigentlich der verdiente Gewinner des deutschen Buchpreises 2012 gewesen. Wer diesem Preis Böses will, der gemahnt natürlich sofort daran, dass Augustin nur nicht gewonnen hat, weil sein Roman nicht über die für den Buchpreisgewinner übliche Mixtur aus Familiengeschichte und Zeitkolorit des 20. Jahrhunderts (bestenfalls der Zeitrahmen 1933–45 oder so um 1989 rum) verfügt.

Die Handlung von Augustins aktuellem und über weite Strecken hochkomischen Roman Robinsons blaues Haus ist so wild und ungestüm, dass man ihr kaum Herr zu werden glaubt, während man sich durch diesen Textdschungel arbeitet. Wenn man es kurz machen will, dann passiert den ganzen Roman hindurch nichts anderes, als dass sich der Held Robinson in den verschiedensten Behausungen einnistet, angefangen beim ständigen Umziehen mit den Eltern in Kindertagen, endend mit einer Enklave in der Südsee. Lassen wir es Augustins Robinson einfach selbst formulieren: „Der Sinn des Lebens (…) besteht aus nichts anderem als dem fortgesetzten Bemühen, sich wohnlich einzurichten“. Schöner kann man es kaum sagen. Ein schöneres Buch gab es in diesem Jahr genauso selten.

Ernst Augustin: Robinsons blaues Haus

C.H. Beck

München 2012

320 Seiten – 19,95 Euro


Für Freunde des Gedankenspiels

Jenny Erpenbeck stellt mit der Protagonistin ihres Romans so einiges an und lässt sie gleich mehrfach sterben. Im ersten Teil überlebt Erpenbecks fast ausschließlich namenlose Figur nicht mal das Säuglingsalter, am Ende lebt sie als einstmals gefeierte DDR-Autorin unter dem Namen Frau Hoffmann in einem Berliner Pflegeheim und entschläft dort friedlich. Dass diese vielen Tode elegant und ohne Holzhammerdramaturgie erzählt werden, darin besteht die große Leistung dieses Romans. Besagte erzählerische Eleganz liegt dabei gar nicht in der Sprache der Autorin (auf dieser Ebene sind ihr nämlich durchaus grobe Schnitzer unterlaufen), sondern in der Komposition des Buches, das immer wieder einen möglichen Lebenslauf eröffnet, diesen dann aber durch ein Intermezzo unterbricht und das Leben der Heldin komplett neu aufbaut. Somit wird Aller Tage Abend zu einer großen Erzählung über Schicksal und Zufall. Mit Sicherheit nicht das beste Buch dieses Jahres, aber eine allemal lohnende Lektüre.

Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend

Knaus Verlag

München 2012

288 Seiten – 19,99 Euro


Für eskapistische Leser

Jörg W. Gronius’ titelgebende Figur Horch befindet sich in einer klassischen Ausgangslage für eine gute Geschichte: Von Privat- und Berufsleben angeödet sitzt Horch Ende der 1990er Jahre in Hannover fest. Erst eine Vortragsreise nach Wien bringt wieder frischen Wind in Horchs Leben. Ein sinnliches und auch mehr oder minder erotisches Abenteuer nimmt in der österreichischen Hauptstadt seinen Anfang. Ein gutes Ende können Horchs lebensverändernde Unternehmungen natürlich nicht nehmen und seine Ich-Erzählung kulminiert im Zynismus und Chaos der Nullerjahre. Gronius’ Roman verbindet Humor und hohen Anspruch. Ein literarisches Rauscherlebnis, gespickt mit Zitaten von Marcel Proust und Sophokles bis hin zu Leonard Cohen und Sade Adu.


Jörg W. Gronius: Horch

Weidle Verlag

Bonn 2012

208 Seiten – 21 Euro


Für zärtliche Zyniker

Sibylle Berg ist im Umgang mit den Medien – vor allem dem Fernsehen und dem Internet – derartig begnadet, dass man gern mal vergisst, dass sie nebenher noch Bücher schreibt. Ihr neuestes trägt den in erster Linie zynischen, aber schönen Titel Vielen Dank für das Leben und handelt von Toto, einem Menschen von zuerst unbestimmtem und später wechselndem Geschlecht. Toto, zu Beginn von seiner Hebamme zu einem „Nichts“ degradiert, kommt in der DDR der 1960er Jahre zur Welt und führt nach dem frühen Tod seiner Mutter ein isoliertes Leben in einem Kinderheim. So ein Zwitterwesen ist in den streng regulierten Heimalltag nicht integrierbar und so bald wie möglich kommt Toto auf einen Bauernhof zu einer Pflegefamilie, die ihn aber als Arbeitssklaven missbraucht. Trotz der drakonischen Pflegeeltern schafft es Toto – zu dieser Zeit noch ein Junge –, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Er liest alles, was die karg bestückte Bibliothek im Sozialismus so hergibt und kommt auf diesem Wege zu seiner großen Leidenschaft, seinem wahren Talent: dem Singen. Wie von Zauberhand werden Buchstaben und Noten in Totos Kopf zu einer Melodie und endlich weiß er, was er später in seinem Leben tun möchte. Um seiner Leidenschaft nachgehen zu können, durchlebt Toto eine albtraumhafte Odyssee, die erst im Jahr 2030 ihr Ende findet.

Vielen Dank für das Leben erzählt, wie ein zurückhaltender, fast schon völlig unbeteiligter Mensch im Mahlwerk historischer und gesellschaftlicher Umstände zu Grunde geht, völlig frei von falscher Sentimentalität. Sibylle Berg ist und bleibt bei all ihrer Bitternis die große Humanistin der deutschen Gegenwartsliteratur

Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben

Carl Hanser

München 2012

400 Seiten – 21,90 Euro


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