Fabian Stiepert | Drucken07.03.2014 

Der Alltag: ein Krisengebiet

In ihrem neuen Buch „Glücklich die Glücklichen“ kratzt Yasmina Raze an der Fassade der wohlhabenden Bürger von Paris

Sie haben alles, was gemeinhin für ein sorgenfreies, glückliches Leben notwendig ist. Die Blots, Toscanos und Hutners, die als Erzählerstimmen in Yasmina Rezas neuem Buch mit dem von Jorge Louis Borges entnommenen Titel Glücklich die Glücklichen zum Einsatz kommen, haben eine gute Putzfrau und speisen Pökelfleisch mit der ganzen Familie am Mittagstisch. Aber ist das wirklich alles so friedlich, wie es auf den ersten Blick scheint? Bei weitem nicht! Rezas Charaktere können einfach nicht anders, als sich über den im Supermarkt falsch gekauften Käse ausgiebig zu mokieren oder sich peinlich abzuwenden, wenn die eigene Mutter im Wartezimmer des Onkologen ihre Krankengeschichte aufmerksamkeitsheischend allen mitwartenden Patienten en detail ausbreitet. Die meisten der insgesamt 21 Kapitel legen durchaus eindrücklich dar, wieso es dem modernen Menschen so schwer fällt, trotz seiner hypersensibel ausgeprägten Neurosen zur Ruhe zu kommen. Immerhin das macht den Text erschreckend aktuell.

Man muss Reza schon zugestehen, dass sie ein sehr feines Gespür für die Fallstricke des Alltags besitzt. Das macht sie aber noch lange nicht zu einer Autorin von Weltrang, auch wenn sie mittlerweile sogar Plätze weit vorne in den Bestsellerlisten für sich beanspruchen kann (was aber auch selten was zu heißen hat). Trotzdem haut Glücklich die Glücklichen in seiner Überkonstruiertheit daneben, da die auf Eskalation ausgelegte Dramaturgie der einzelnen Abschnitte, die vom Aufbau durchaus an Arthur Schnitzlers Dialogsammlung Reigen erinnern, sehr schnell ins Leere läuft. Nach und nach hat man aufgrund der monotonen Eskalationssucht von Reza sogar noch eher das Gefühl, einer albernen Nummernrevue moderner „Paare und Passanten“ folgen zu müssen. Zu diffus und formal offen ist dieses Buch gehalten, als dass man es wirklich ernst nehmen möchte. Die Texte erscheinen irgendwann so beliebig erweiterbar, dass man fast denken möchte, es mit einer Ideensammlung für eine minimal intellektuell angehauchte Daily Soap zu tun zu haben.

Worin liegt nun aber genau der große Erfolg von Yasmina Reza, der weltweit erfolgreichsten Dramatikerin unserer Tage? Wer den Gott des Gemetzels kennt, der durfte die Autorin bereits in viel besserer Form erleben, denn wenn Christoph Waltz und John C. Reilly sich in der Verfilmung des Stücks auf der Leinwand fetzen, dann passiert das nicht nur aus Lust am Streit oder um dem dank Reality-TV einem Dauervoyeurismus ausgesetzten Publikum zu beweisen, dass die Kunst mehr kann als (Pseudo-)Realitäten. Warum Glücklich die Glücklichen verglichen mit diesem Glanzstück so schludrig auf Krawall gebürstet ist, bleibt wohl ein Rätsel.

Yasmina Reza: Glücklich die Glücklichen

aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt- Henkel

Hanser

München 2014

175 S. – 17,90 Euro


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