Marcus Wendt | Drucken26.01.2020 

Ruppiger Endzeitton

„GRM – Brainfuck“ ist ein wütendes Buch. Und sich darüber im Klaren, dass Wut nicht weit trägt

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Zum ersten Mal kam ich mit Sibylle Berg in Berührung, als ich in Deutsch einen Vortrag über ein Buch halten musste, das mich besonders bewegt hat. Zu dieser Zeit las ich nicht wirklich viel, wenn überhaupt, nur das nötigste der Schullektüre. Als ich nun durch die einzige Buchhandlung des Dorfes schlenderte, um mir irgendetwas zu suchen, über das ich mir schnell einen Vortrag zurechtbasteln konnte, fiel mir dieses schlanke Taschenbuch mit der rothaarigen Frau mit dem schmalen Gesicht auf dem Cover auf, die sich in ihrem Bett zu räkeln schien. Jugendliche Hormone nun zwangen mich, ebendieses Buch zu kaufen, das mir auf den zweiten Blick auch vom Titel her gefiel: Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot. Das Buch fesselte mich und Sibylle Berg wurde zu einer Autorin, die mich bis heute begleitet.

Diese Zeit, in der ich als Jugendlicher Halt suchte in einem Universum von lakonischer Überspitzung des Irrsinns eines digitalen Zeitalters mit all seinen gescheiterten Glückrittern, überspannten Verlierern und dem um sich greifenden Nihilismus, war für mich von Beginn an die Zeit Sibylle Bergs. Und sie ist es noch. Denn auch wenn ich mittlerweile keine Bücher mehr kaufe, auf denen mit halbnackten Frauen geworben wird (und der Reclam-Verlag in der Klassiker-Neuauflage Abstand davon genommen hat), fühle ich mich dank Sibylle Bergs neuem Roman GRM – Brainfuck in diesen Zustand zurückversetzt. Auch wenn das leitende Thema des Romans die Dystopie ist, die wir seit fünfzig Jahren heraufbeschwören, und in der wir uns schon längst befinden, hat die Schilderung der Pubertät seiner Protagonisten wesentlich mehr Gewicht. Don, Peter, Karen und Hannah finden sich in einer Zeit wieder, die der unseren sehr ähnlich ist. An manchen Stellen fühle ich mich zurückgewiesen von der Wahllosigkeit, mit der die Themen Brexit, Misogynie, Überwachungsstaat etc. behandelt werden, andererseits holen mich die täglichen Nachrichten wieder ins Buch zurück: Boris Johnson gewinnt in Großbritannien die Parlamentswahlen und im spanischen Big Brother wird eine Frau vor Live-Kameras mit ihrer Vergewaltigung während der Sendung konfrontiert.

Die zynische Überzeichnung der Wirklichkeit ist keine mehr, das zeigt sich auch in Sibylle Bergs Charakteren. Die Kids, die sie beschreibt, sind geprägt von einem tiefen gesellschaftlichen, physischen und sozialen Trauma – sie sind schwarz, intelligent, arm, schön, misshandelt, entstellt, kaputt und vor allem: sauer. Eindruck und Ausdruck ihrer Wut ist Grime, die titelgebende Lifestyle-Musik, die aus dem armen, schottischen Nirgendwo entstanden ist und sich aus unverständlichen Rap-Elementen zusammensetzt, die unverhältnismäßig aggressiv vorgetragen werden. Auf dem Weg der Kids durch ihr abgefucktes Leben wird, mal mehr, mal weniger sarkastisch, die bestehende Gesellschaft aus Patriarchat, Rassismus, Neoliberalismus in ihrem Endstadium zerlegt. Betreut wird dieser Vorgang von dem Überwachungsalgorithmus, der uns als „EX 2279“ vorgestellt wird und alle Personen nach deren Vorlieben, Verwertbarkeit und Gefährderpotenzial einsortiert und letztlich die Kontrolle der unfähigen Menschen übernimmt – „All watched over by Machines of Loving Grace“. Sibylle Berg geht vor, wie sie immer vorgeht, wenn sie ein Gesellschaftsporträt zeichnet: Sie springt von Individuum zu Individuum und gibt uns die innersten Gefühle, Vorlieben und Perversitäten preis. Die Syntax wird von Sibylle Berg feinsinnig zerhackt. Manche Beschreibungen enden mitten im Satz, um Platz zu machen für eine neue Geschichte – um GRM zu lesen, muss man so unaufmerksam sein, wie es die Zeit verlangt.

Kein Mensch ist sicher, kein Mensch ist rein, alle kommen irgendwo her und alle sind abgefuckt – auch in der neuen Zeit der technologischen Erfüllung und des Grundeinkommens für alle. Die zugrunde liegende Message ist klar, niemand wird uns retten, weder Technik oder Religion noch die Wirtschaft, wenn wir uns nicht selbst retten. Don, Peter, Karen und Hannah wären keine Protagonisten, wenn sie keine Aufgabe hätten und ihre Aufgabe ist erst einmal eine recht simple: Rache. Rache an den Menschen, die sie abgefuckt haben. Sie versuchen damit, einen Ausweg aus einer Gesellschaft zu finden, die ihre Menschenteile erst zu Arbeitsautomaten zurichtet und dann wegwirft, nachdem sie nicht mehr gebraucht werden. Aber selbst gegen diese Utopie – die nach mehreren hundert Seiten aus befriedigend viel Mord und Totschlag besteht – lässt Sibylle Berg ihre Protagonisten nicht vom Haken. Der kindliche Reiz der Rache löst sich in der Pubertät auf, er wird assimiliert und richtet sich nur noch gegen sich selbst. Die Kids, die am Anfang noch wütend waren, sind am Ende einfach nur noch erschöpft, gelangweilt, im Arsch – wie wir alle anderen eben auch. Ihr Soundtrack, Grime, ist zu einer glattgebügelten Kaufhausmusik geworden, jede Art von Gegenwehr erstickt, und zwar nicht mit Gewalt, zumindest nicht ausschließlich, sondern einfach langsam, aber sicher. Als der Mut und die Wut der Kinder bricht und sie langsam zu Erwachsenen werden, ist auch der Moment, wo sie sich einer Öffentlichkeit mitteilen, es ist der Moment, in dem Don einen eigenen Grime-Text rappt:

„Wenn du Hass willst,

kannst du ihn haben,

ich seh dich an und du mich nicht.

Wenn du denkst, wir können sterben,

denk ich mal du begreifst es nicht.

Das ist der Untergang der Leute,

der jetzt schon viel zu lange geht,

das ist die Welt der lebend Toten.“

GRM – Brainfuck ist ein wütendes Buch, das sich erstaunlich selbst darüber bewusst ist, dass die Wut nur ein Stück weit trägt, dass die Zerstörung des Planeten, die Gewalt gegen Frauen, die Verschwörungstheorien, Armut, Rassismus und Krieg nicht eins gegen eins verhindert werden können. Ohne eine radikale Veränderung der Gesellschaft wird kein Kampf für sich erfolgreich sein. All die Ironie, der Sarkasmus und Zynismus, die in Sibylle Bergs Sprache stecken, der ruppigen Endzeitton, ist genau das, was mir durch die Pubertät geholfen hat. Und auch wenn einige Passagen für jüngere Leser*innen, zu denen ich mich gerade noch zähle, cringy anmuten mögen, etwa wenn Berg sich auf Internethumor bezieht, der doch jede Sekunde aktualisiert wird, liefert das Buch wieder ein wütendes Lebensgefühl, dass wir alle, auch über die Pubertät hinaus, unbedingt behalten müssen.

Sibylle Berg: GRM – Brainfuck

Kiepenheuer & Witsch

Köln 2019

633 Seiten, 25 Euro

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