Fabian Stiepert | Drucken01.11.2012 

Die Bedeutung der Wassermelone

Der von Hannah Pilarczyk herausgegebene Band „Ich hatte die Zeit meines Lebens“ nähert sich dem sonst so stiefmütterlich behandelten Film „Dirty Dancing“

Der wohl zweitberühmteste Teil einer Choreografie nach Michael Jacksons Moonwalk ist die legendäre Hebefigur aus Dirty Dancing. Wer den Film wirklich (und in 99 Prozent der Fälle selbstverständlich auch mehrfach) gesehen hat, erinnert sich zweifellos an noch viel mehr als die Übungen in Sachen Liebe und Tanz im See eines Ferienressorts im amerikanischen Sommer von 1963. Die Geschichte von Johnny Castle und Frances „Baby“ Houseman bietet einen der größten Zitatschätze der Filmgeschichte („Ich habe eine Wassermelone getragen“), ohne dass die Kinematographie besonders auffällig oder gar kunstvoll ausgefallen wäre. Man bedenke dabei, dass für den Film nur knapp sechs Millionen Dollar und gerade mal zwei Monate Drehzeit zur Verfügung standen. Vielleicht ist es in Anbetracht dieser Umstände jetzt, 25 Jahre nach Erscheinen, einmal an der Zeit, sich einzugestehen, dass der wohl erfolgreichste und bekannteste Tanzfilm als kulturelles Phänomen ernst zu nehmen und der geisteswissenschaftlichen Untersuchung würdig ist.

Der von Hannah Pilarczyk herausgegebene Band Ich hatte die Zeit meines Lebens kommt dem nach und beschäftigt sich im Rahmen verschiedenster Disziplinen mit Dirty Dancing. So wird der als Schnulze verschriene Film in den filmhistorischen Kontext der Coming-of-Age-Filme eingeordnet und auf seinen historischen und feministischen Gehalt hin untersucht. Ein anderer Autor erforscht ihn bezüglich der Inszenierung von jüdischer Identität, was mit Abstand den interessantesten Beitrag in diesem Band darstellt. Verzichtbar sind die Texte zum Soundtrack des Filmes. Fast jeder weiß, dass die Musik im Film stark anachronistisch ist und aus einem befremdlichen Mischmasch aus Musik der 1980er und 1960er Jahre besteht. Warum die Filmmusik trotzdem so gut funktioniert, entzieht sich dann wohl doch jeglicher wissenschaftlichen Erklärbarkeit.

Der vorliegende Band versucht ein Phänomen ins rechte Licht zu rücken und aus der dunklen Ecke der vermeintlichen Trashs herauszuholen. Oliver Grajewskis Illustrationen, die jeweils vor den einzelnen Texten zu finden sind, zeigen zudem, wie weitreichend Dirty Dancing in Film und Fernsehen aufgegriffen wurde. Trotz der fast unzähligen Zitate in anderen Filmen und Serien sprach man Dirty Dancing nie so recht irgendeine Relevanz zu. Das ist nun kein riesiges Dilemma, aber viel schlimmer wäre es doch, etwas Maßgebliches völlig verpasst zu haben. Am besten man schaut sich nach dem Lesen dieser Texte den Film noch ein x-tes Mal an. Man wird ihn wohl völlig anders sehen.

Hannah Pilarczyk (Hrsg.):

Ich hatte die Zeit meines Lebens- Über den Film Dirty Dancing und seine Bedeutung

Verbrecher Verlag

Berlin 2012

191 Seiten – 15 €


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