Fabian Stiepert | Drucken30.11.2014 

Er ist dann mal ganz da

Hape Kerkeling hat ein absolut lesenswertes Buch über seine Kindheit geschrieben. Doch die Lesung in der Lehmanns-Buchhandlung zeigt: Live ist der Humorist immer noch am besten

Lässig läuft Hape Kerkeling an diesem Donnerstagabend im Oktober die Stufen der Treppe in der Leipziger Lehmanns-Buchhandlung herunter. Man merkt vom ersten Moment an, dass der Entertainer beruflich in seinem Leben niemals etwas anderes gemacht hat, als die Leute auf der Bühne und in ihren Fernsehstuben fachmännisch zu unterhalten. Nach Begrüßung der Gastgeber geht Kerkeling sofort ans Mikro und begrüßt das Publikum in authentischem, breitestem Leipziger Sächsisch. So erntet man direkt die ersten Lacher und der Abend hat nicht einmal wirklich angefangen. Die Leute, die man heutzutage Comedians nennt, brauchen erstmal ein ellenlanges Warm-up, um ihrem Publikum ansatzweise das Feeling zu geben, was Kerkeling innerhalb weniger Sekunden herzustellen weiß.

Nachdem alle Profis und Amateure ihre Fotos gemacht haben, liest Kerkeling ein Kapitel aus seinem neuen Buch mit dem etwas ungriffigen Titel Der Junge muss an die frische Luft. Lebhaft und bei den Dialogen im kantigen Ruhrpott-Slang trägt Kerkeling aus seinen Kindheitserinnerungen vor. Wie er einst, anstatt in den Kindergarten zu gehen, jeden Tag im Krämerladen seiner Großmutter saß und die Dialoge am Verkaufstresen mithörte. Oder wie die Großmutter stets voller Unternehmungsdrang zu den Kerkelings nach Hause kam und den titelgebenden Satz „Der Junge muss an die frische Luft!“ sprach, um danach mit der ganzen Familie einen schönen Nachmittag im Freien zu verbringen. Mag sein, dass das alles erstmal ziemlich banal klingt. Kerkeling gelingt es aber anhand der Nacherzählung seiner Kindheit, das Fundament seines humoristischen Oeuvres frei zu legen. So wären die wunderbaren Szenen im Haus der Familie Schlönzke im Meisterwerk Kein Pardon undenkbar, wenn Kerkeling diese Dialoge voller Ruhrgebiets-Kolorit nicht schon in jungen Jahren hätte aufsaugen können.

Nach dem Vorlesen des Kapitels rund um Omas Krämerladen ist die Fragerunde eröffnet. Jeder, der möchte, darf Hape Kerkeling nun eine Frage stellen. Wie spontan und warmherzig Kerkeling dabei Pointen zu setzen weiß, ohne dass es zu dem von Autorenlesungen gewohnten betretenen Schweigen kommt, ist genial und ein weiterer Beweis für souveränes Showmanship. So weist eine Journalistin allen Ernstes darauf hin, dass die Figur des Provinzjournalisten Horst Schlämmer ja eine Art Ohrfeige für alle Vertreter ihres Metiers darstelle. Keine fünf Sekunden später ertönt das testosterongeschwängerte Grunzen des passionierten Dornkaat-Trinkers vom Grevenbroicher Tageblatt. Die Menge tobt sofort.

Während die 75 Minuten Hape Kerkeling live alles überstrahlen, gibt es an diesen Memoiren als literarisches Werk eigentlich wenig zu kritisieren. Gelegentlich blitzt ein bisschen zu viel des üblichen Meinungsgewitters auf, dass man sich besser für Talkshowbesuche als für Buchseiten aufspart. Die Schilderung des Suizids von Kerklings Mutter Margret hat wiederum entgegen aller von manchen Seiten erklungenen Unkenrufe völlig zurecht im Kapitel „Der Stuhl am Küchenfenster“ ihren Platz gefunden. Das Schicksal der Margret Kerkeling ist ein zutiefst tragisches und somit per se literarisch. Kerkeling platziert es zudem durchaus durchdacht in seinem Buch. „Ich bin meinen Fans nunmal die Wahrheit schuldig“, begründete Kerkeling vor einigen Wochen an anderer Stelle im TV seinen Entschluss, so ausführlich über seine Mutter zu schreiben. Da ist ihm nur rechtzugeben, denn wie jeder wissen sollte, ist die Wahrheit etwas dem Menschen zumutbares.

Hape Kerkeling: Der Junge muss an die frische Luft

Piper

München 2014

320 S. – 19,99 Euro

Lesung in der Lehmanns-Buchhandlung: 23. Oktober 2014

Leseprobe auf www.piper.de
Hörprobe, gelesen von Hape Kerkeling

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