Fabian Stiepert | Drucken07.09.2015 

Durch Lagerfelds Augen

Der Steidl-Verlag legt einen Fotoband des Modeschöpfers neu auf und veröffentlicht letzte Texte von Günter Grass. Derweil beeindruckt Barbara Honigmann mit Szenen, die sie vor ihrer Haustür findet


Anekdoten über Zu- und Weggezogene

Barbara Honigmann ist einst von Ostberlin nach Straßbourg gezogen. Zu DDR-Zeiten war das kein ganz einfaches Unterfangen. Kurioserweise ist Honigmann bis heute nicht ein einziges Mal innerhalb Straßbourgs umgezogen und wohnt bis heute in der Rue Edel. Offenbar ist die Rue Edel trotz ihres positiv sprechenden Namens nicht gerade die allerbeste Lage, schließlich hört Honigmann immer wieder von anderen „Rue Edel? Da haben wir am Anfang auch gewohnt!“. Also taufte die Autorin vor einiger Zeit für sich die Rue Edel zur „Straße des Anfangs“ um und hat ihr nun ein wunderschönes Denkmal gesetzt. In Chronik meiner Straße finden sich lauter kleine, dem Alltag abgewrungene Anekdoten über Zu- und Weggezogene, den Gemüsehändler ums Eck und das kleine Bistro am Straßenrand. Dabei fällt auf, dass es in Honigmanns Straße sehr multikulturell, die meiste Zeit aber auch sehr friedlich zugeht. In Zeiten des Wahnsinns von Legida und Pegida lässt dieses vom friedlichen Zusammenleben verschiedener Kulturen erzählende Buch ein bisschen aufatmen, auch wenn es nicht direkt in Deutschland spielt. Zu schön wäre es, wenn Honigmann ihre Chronik in Form einer Kolumne oder eines Blogs fortsetzen würde. Vielleicht könnte es die Rue Edel sogar mit der Lindenstraße aufnehmen.

Barbara Honigmann: Chronik meiner Straße

Erschienen bei Hanser

16,90 €, 160 Seiten


Geisterhaft

Für die lesefaulen sei abschließend noch auf einen wunderschönen Bildband mit Fotographien von Karl Lagerfeld hingewiesen, der – wie sollte es anders sein – im Steidl-Verlag erschienen ist. Casa Malaparte erschien zwar bereits Ende der Neunziger, wurde nun aber neu aufgelegt. Der Bildband enthält einige Polaroids, die Lagerfeld im Jahr 1997 von der titelgebenden Casa Malaparte geschossen hat. Wer beim Durchschauen der Fotos meint, das Haus des Schriftstellers Curzio Malaparte zu kennen, der irrt sich nicht. In Jean-Luc Godards genialem Film Die Verachtung dienen die Treppen der Casa als prachtvolle Kulisse, die von Brigitte Bardot bespielt wird. Karl Lagerfelds Fotos hingegen zeigen das faszinierende Haus ganz anders als Godard. Die Fotos sind herbstlich, diesig, ja fast schon geisterhaft. Sie versuchen, etwas einzufangen, was abseits der Möbel und der Architektur im Unsichtbaren sein Dasein fristet. Dass Karl Lagerfeld ein veritabler Künstler ist und nicht nur als boulevardeske Krawallschachtel von sich reden macht, davon zeugt dieser Bildband. Man kann nur hoffen, dass die Zusammenarbeit mit dem Verleger Gerhard Steidl noch lange fortgesetzt wird.

Karl Lagerfeld: Casa Malaparte

Erschienen im Steidl-Verlag

34 €, 56 Seiten


Zum Abschied

Mit dem Tod von Günter Grass im April hat Deutschland einen seiner prominentesten Intellektuellen verloren. Streitbar bis wirr war Grass bis zum Schluss. Trotzdem gilt es in aller gegebenen Würde und Anerkennung von diesem Autor Abschied zu nehmen, dem manche die Größe eines Thomas Mann oder Arno Schmidt bescheinigen. Um der Leserschaft von Grass den Abschied etwas einfacher zu machen, ist noch ein letzter Band mit kurzen Texten, Gedichten und allerhand Zeichnungen erschienen. „Vonne Endlichkait“ ist dabei eitel und uneitel zugleich. Uneitel, wenn Grass heiter von seinem Gebiss schreibt und dabei noch einen letzten verbliebenen, vergoldeten Zahn hervorhebt, der ihm noch geblieben ist. Eitel hingegen sind die arg plumb geratenen Texte über „Mutti“ Merkel oder der im Gedicht „Abschied vom Fleisch“ besungene, unaufhaltsame Verfall der einst schönen Frauenkörper, die Grass im Lauf seines Lebens bestaunen durfte. Aber man ist gerne etwas milder gestimmt gegenüber ewigem Senfdazugeben und seniler Lustgreisigkeit, denn „Vonne Endlichkait“ ist ein Konvolut von dem, was Grass in Anbetracht schwindender Kräfte abseits aller epischen Erzählprojekte wie „Der Butt“ oder „Hundejahre“ noch möglich war. Und das ist und wird auf lange Zeit immer noch mehr sein als das, was uns die Longlist- und Schreibschulautoren unserer Tage so vorsetzen.

Günter Grass: Vonne Endlichkait

Erschienen im Steidl-Verlag

28 €, 174 Seiten


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