Steffen Lehmann | Drucken18.03.2003 

Die langen Arme der Erinnerung

Singer hat eine World's-End-Geschichte über das Exil und das Überleben des Holocaust geschrieben

Der italienische Autor Claudio Magris sagte anlässlich der Verleihung des Nobelpreises für Literatur im Jahr 1978 an Isaac Singer, dieser sei ein Autor des Exils. Nicht nur des jüdischen, sondern des existentiellen, in das sich der Mensch und vor allem der zeitgenössische Schriftsteller getrieben sieht. Isaac Singer wuchs in Warschau auf und emigrierte 1935 nach New York. Er sollte seine Heimat nie mehr wiedersehen. 1943 schrieb er, der jiddische Schriftsteller in Amerika müsse auf die Gegenwart zugunsten der Vergangenheit verzichten.

Das bedeutete, dass sich Singer in seinem umfangreichen Oeuvre den Gewohnheiten seiner Leserschaft beugte. Sie wollten Reminiszenzen an die untergegangene Welt des Schtetls lesen. Insofern ist Schatten über dem Hudson vielleicht der Roman von Singer, der am konsequentesten versucht, aus dieser Schablone auszubrechen. Singer wählte als Sprache seiner Romane das Jiddische. Bewusst. Gleichwohl er wusste, er würde sein Publikum nur mittels Übersetzungen erreichen. Das Original Shotns baym hodson erschien zwischen Januar 1958 und Januar 1959 in der Zeitung "Forverts" als Fortsetzungsroman. An eine Buchausgabe war zunächst gar nicht gedacht. Erst 1998 wurde das Werk ins Englische übersetzt.

New York im Winter 1947. Bei Boris Makaver, einem erfolgreichen Kaufmann, versammelt sich eine bunte Abendgesellschaft. Beherrschendes Thema ist die Frage nach Gott im Angesicht des Holocausts, dem die meisten der Anwesenden nur knapp entronnen sind. Dieses Entkommensein lastet auf ihnen. Immer wieder bricht die Frage auf, warum habe ich überlebt und nicht meine Angehörigen. Makaver ist durch seine Heirat zu einigem Wohlstand gekommen und unter Juden New Yorks eine bekannte Persönlichkeit. Sein Überleben des Holocausts führte ihn wieder zurück zum Glauben. Bei besagtem Abendessen treffen sich Makavers Tochter Anna und Hertz Grein. Der ehemalige Talmudgelehrte war in Warschau der Nachhilfelehrer Annas und hat es in New York zum Börsenmakler gebracht. Grein hat neben seiner Ehefrau seit elf Jahren eine Geliebte namens Esther. Beide verlässt er für eine kurze Affäre mit Anna. Anna ist mit Stanislaw Luria verheiratet, einem Anwaltsanwärter in den Fünfzigern, der seine Frau und Kinder in Auschwitz verloren hat.

Solomon Margolin ist Makavers engster Freund. Beide kennen sich schon aus der gemeinsamen Schulzeit. Er heiratet eine Deutsche, die ihn 1938 wegen eines Nazis verlässt. Für Margolin bedeutet das die Abkehr vom Glauben. Erst ganz am Schluss des Buches erzählt er Makaver, dass er wieder mit seiner Ex-Frau, die mittlerweile zum Judentum übergetreten ist, zusammen lebt. Bei Singer kommt keiner der Akteure ohne Blessuren davon. Als Makaver, nach vielen Turbulenzen, noch einmal heiratet und Vater wird, ist das Kind behindert. Seine Frau schafft es nicht, ihm auch noch diese Hiobsbotschaft zu überbringen.

Über seinen Affären gerät Greins Existenz in abenteuerliche Turbulenzen. Nach der Trennung von Anna kehrt er zu seiner Frau zurück. Kurz darauf erkrankt sie an Krebs. Grein hat nichts Besseres zu tun, als mit seiner Geliebten Esther, die in der Zwischenzeit auch verheiratet ist, durchzubrennen. So ergibt sich ein Mosaik menschlicher Schicksale. Spät findet Grein den Weg zurück. Und dieser führt wieder über den Glauben. Eine erste Bekehrung mit Besuchen in der Synagoge ist nur von kurzer Dauer. Später wird er nach Jerusalem gehen, um in einem orthodoxen Viertel als ein Baal-tschuwe wie ein Büßer zu leben.

Hertz Grein steht als Synonym für Singers Geschichte. Eine Geschichte von Schuld und Sühne. Eine Welt, die aus den Fugen geraten ist. Hinter allem lauern aber die Schatten der Erinnerung. Mit dem Wissen um die Millionen Toten des Holocausts zu leben, das kostet auch den Gläubigsten von Singers Protagonisten übermenschliche Anstrengungen. In dem Eingeständnis, Gott könnte die Welt im Stich gelassen haben, sonst wäre der Mord an den Juden nicht möglich gewesen, summieren sich alle Zweifel und Ängste. Jedoch, Singer entwirft mit Schatten über dem Hudson ein Bild des jüdischen Lebens nach dem Zweiten Weltkrieg, dass trotz der immensen, zahllosen Opfers langsam zu einer neuen Vitalität zurückfindet.

Isaac Bashevis Singer: Schatten über dem Hudson
Deutsch von Christa Schuenke
Deutscher Taschenbuch-Verlag, München
748 Seiten, 15 Euro

Kommentar hinzufügen

 
Fügen Sie hier Ihren Kommentar ein:
 
 
 

* Pflichtfeld

 

Tipps

Peer Gynt

Am 28. Dezember um 19.30 Uhr kommt es am Schauspiel Leipzig zur Wiederaufnahme von Henrik Ibsens "Peer Gynt" in der Inszenierung von Philipp Preuss.

Weihnachtsmotette

Die Weihnachtsmotette mit dem Thomanerchor in der Thomaskirche, am Sonntag, 24. Dezember, beginnt um 13.30 Uhr. Der Eintritt kostet 2 Euro und ist am Kircheneingang zu bezahlen.

EXTRAS

Out of Leipzig

Berichte aus der Hauptstadt und dem Rest der Welt

Jugend-Almanach

Die Extra-Rubrik für junge Autorinnen und Autoren

Friedrich-Rochlitz-Preis

Rückblick auf den Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik 2015. Das nächste Mal findet der Schreibwettbewerb 2017 statt.

Lyrik & Prosa

Gedichte und Erzählungen im Leipzig-Almanach

Mitglied werden

Der Leipzig-Almanach braucht Ihre Unterstützung, damit er auch weiterhin nicht kommerziell bleibt. Werden Sie Vereinsmitglied! Als Dankeschön erhalten Sie einen Kinogutschein.

Newsletter

 

Registrieren Sie sich für den Newsletter des Leipzig-Almanach