Stanley Deschle | Drucken20.09.2013 

Sehnsucht nach Zügen

Die Kurzgeschichtensammlung „Skinny Dynamite“ von Jack Michelin ist zwar nicht ganz taufrisch, deshalb aber nicht weniger lesenswert

So vor zehn, zwölf Jahren, in meiner wilde(re)n Zeit, habe ich auf Parkbänken oder gleich im Gebüsch übernachtet. Ich war voll feuriger Energie, von daheim ausgezogen und einzig der Glaube an die Band hielt mich in Leipzig. Ich wäre sonst gewiss abgehauen, die Züge lockten mich mitzuziehen auf ihrem Weg in die Ferne, anderen Straßen, Gossen, Häusern neuer Musik und neuen Sonnen entgegen. Ich liebte die Züge und trieb mich nachts betrunken auf den Bahndämmen herum. Mit Begeisterung las ich damals Jack Londons König Alkohol und Abenteuer am Schienenstrang. Sie absorbierten etwas von meinem Fluchtinstinkt.

Ich schlief auf Parkbänken, ich ernährte mich drei Tage lang nur von Wasser und zwei Scheiben Goudakäse, ich schaffte es, 63 Stunden lang wach zu bleiben, und das alles ohne die Unterstützung oder Ablenkung durch Drogen. Yeah, Baby.

Jetzt sagt ihr: „Ja ja, ist schon gut. Langweile uns nicht mit deinen über zehn Jahre alten Geschichten, die vermutlich nur halb wahr sind.“
„Sind ganz wahr“, sage ich.
„Meinetwegen … Nur: was soll das? Was nervst du uns damit?“
Deswegen: Skinny Dynamite von Jack Micheline.

15 Stories, keine einhundert Seiten und es ist alles wieder da: Die widerlichen Schrauben der Parkbänke, die sich gefühllos in meine Haut gruben wie die Finger von Oberärzten, das klamme Erwachen, der Geschmack von Dreck im Mund, hässliche Kälte im Neonlicht der Dämmerung, Vogelscheiße, der Geruch verlassener Gleise in der Nacht, Abrissbuden, Gespensterschreie, dieses seltsame Gefühl zwischen Freude und Misstrauen, wenn man den orangen Schimmer der Straßenbeleuchtung zwischen den feuchten Stämmen und dem Blattwerk aufblitzen sieht: Es ist alles wieder da. Und mehr, tiefer zurück führte mich Micheline in die irre Zeit meiner Kindheit. Lest nur die erste Story.

Wie leicht, mühelos ihm das alles gelingt: kein überflüssiges Wort, absatzlange Aufzählungen, ohne die Spur der Ödnis, diese Magie, diese Leidenschaft, dieser Humor. Selbst wenn er den Blues singt, abdreht und uns Balladen erspinnt wie Sweet Elenor, Nigger oder die Titelgeschichte, zieht er alles aus seinem Blut, ohne Tränen und ohne Moral und jeder Zweifel ist Korinthenkackerei. (Es ist ein Blues darin, der mich darauf brachte „Blues“ mit „Blut“ zu übersetzen.)

Dieser Mann kann schreiben – er liegt mir in der sauberen Übersetzung Carl Weissners vor, aber ich kenne ihn auch im amerikanischen Original. Dieser Mann konnte schreiben: Er ist am 27. 02. 1998 im Waggon eines Nahverkehrszuges von San Francisco verstorben.

Dieser Mann konnte schreiben – hier, lest selbst:

„Die Stadt kam nie zur Ruhe, die Ratten rannten durch die Keller, die Menschen durch die Straßen und U-Bahn-Schächte, die Uhren tickten, die Huren kreischten, und der muffige Bulle strich durch sein Revier und wartete auf ein verdächtiges Geräusch, eine verdächtige Bewegung, einen Schatten, einen Hauch von Gewissheit, dass er nicht überflüssig war.“

„Scarlet war siebzehn, schlank, schön wie ein Engel, ging mit lässigen, geschmeidigen Bewegungen die Straße lang, in einem hautengen Kleid und Stöckelschuhen, trug seidene Unterwäsche, benutzte einen rubinroten Lippenstift und war männlichen Geschlechts.“

Ich will euch nicht noch mehr verraten und es ist, als trage ich seine alten Klamotten auf, wenn ich das hier für euch aufschreibe. In der deutschen Erstausgabe von 1979 (erschienen im Maro-Verlag) haben sie ein paar schöne, ganzseitige Foto von ihm abgedruckt und mit diesen, wie gesagt, sauber übersetzten Stories bekommt ihr ein kohärentes und glaubwürdiges Bild eines der besten amerikanischen Straßenpoeten des letzten Jahrhunderts; eines Dichters, der aus dem Instinkt geschöpft hat; auf die Art, wie unsere Ahnen die Sprache entwickelt haben mögen. Micheline erzählt nie verkrampft, nie prätentiös, mit einem Achselzucken und Augenzwinkern.

Die Erstausgabe von Skinny Dynamite müsste als Gebrauchtware noch in ausreichender Menge kursieren – meine hat mich gerade mal 3 Euro gekostet, inklusive Versand.

Lasst euch diesen Mann nicht entgehen.

Jack Michelin: Skinny Dynamite. Stories

Übersetzt und herausgegeben von Carl Weissner

Maro-Verlag

Augsburg 1979

91 S. – antiquarisch erhältlich


Kommentar hinzufügen

 
Fügen Sie hier Ihren Kommentar ein:
 
 
 

* Pflichtfeld

 

Tipps

Neues italienisches Kino

Das Filmfestival "Cinema! Italia!" zeigt vom 19. bis 25. Oktober in den Passage-Kinos Leipzig neue italienische Produktionen im Original mit deutschen Untertiteln. Mehr Infos unter www.cinema-italia.net.

DOK Leipzig wird 60

In diesem Jahr haben 113 Filme ihre Welt- und internationale Premiere auf dem Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, das vom 30. Oktober bis 5. November zum 60. Mal stattfindet.

EXTRAS

Out of Leipzig

Berichte aus der Hauptstadt und dem Rest der Welt

Friedrich-Rochlitz-Preis

Rückblick auf den Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik 2015. Das nächste Mal findet der Schreibwettbewerb 2017 statt.

Lyrik & Prosa

Gedichte und Erzählungen im Leipzig-Almanach

Jugend-Almanach

Die Extra-Rubrik für junge Autorinnen und Autoren

Jetzt Mitglied werden!

Damit der Leipzig-Almanach nichtkommerziell bleibt, brauchen wir Ihre und Eure Unterstützung. Jetzt Vereinsmitglied werden! Als Dankeschön gibt es einen Kinogutschein.

Newsletter

 

Registrieren Sie sich für den Newsletter des Leipzig-Almanach