Tobias Prüwer | Drucken12.11.2013 

Man nennt sie auch Hinkelsteine

Buch der langen Steine: Ein opulenter Fotoband bildet alle deutschen Menhire ab

Stonehenge und Newgrange, Callanish und Carrowmore: Die britisch-irischen Inseln sind bekannt für ihre Standing Stones. Menhire kennt man auch aus Asterix & Obelix, sind es doch jene Hinkelsteine, die dort ständig herumgeschleppt werden. Menhire gibt es aber auch in Deutschland – und gar nicht wenige. Sie sind allerdings verschieden dicht gestreut. Bayern etwa hat fünf, Rheinland-Pfalz 79, in Niedersachsen stehen 28 Menhire, in Mecklenburg-Vorpommern 13. Es ist ein Mega-Projekt, das der Fotograf Johannes Groht in acht Jahren realisierte: Er hat alle Menhire Deutschlands besucht und sie auf Film gebannt. Sein Prachtband mit dem prosaischen Namen Menhire in Deutschland gibt faszinierende Kunde vom alten Kulturgut mitten in der Natur. Neben einleitend-erhellenden Essays zu verschiedenen Megalith-Aspekten vereint der Band fantastische Fotos von wirklich jedem bekannten oder nur vermuteten Menhir.

Die Funktion und Bedeutung der aufgerichteten Steine – Menhir bedeutete ursprünglich „langer Stein“ – sind nicht restlos geklärt. Manche gehen von Grenzsteinen aus, andere vager von Markierungen, wieder andere deuten sie als Nabel oder Säulen der Welt. Astronomische Ausrichtungen sind bei einigen möglich, etwa bei den Sonnensteinen im sachsen-anhaltinischen Derenburg. Missionare sahen in ihnen Beweise für Götzendienste oder gleich Teufelswerk. Der Sage nach hat (Nicht-nur-)Germanen-Christianisierer Bonifatius solch eine Megalith-Kultstätte auf Lindenauer Wiesen zerstört. In Sachsen sind Menhire mit lediglich sechs Exemplaren höchst selten anzutreffen, die meisten davon im Landkreis Leipzig. Hier lockt zum Bespiel der „Spitze Stein“ aus rotem Granit auf einer Anhöhe zum Blick in die und von der Peripherie. Im Thümmlitzwald stehen gleich zwei Monolithlein im Walde herum: Ganz still und stumm sollte man beim Besuch sein – immerhin heißt einer „Teufelsstein“.

Insgesamt können im ganzen Raumkonstrukt, das sich „Mitteldeutschland“ nennt, rund 150 Megalithbauten über Wald und Wiesen erwandert werden. Menhire überziehen in hoher Dichte Nordthüringen und Sachsen-Anhalt. Die sogenannte „Dölauer Jungfrau“ bei Halle gilt mit 5,5 Metern Höhe sogar als zweitgrößter Hinkelstein Mitteleuropas und Hünengräber ruhen in großer Zahl südlich von Salzwedel sowie um Haldensleben. Die Himmelswege führen zum jungsteinzeitlichen Steinkammergrab von Langeneichstädt bei Naumburg mit der Replik eines Menhirs, der eine Ritzung in Form einer Dolmengöttin enthält. Da der Stein an den Stellen der Göttin deutliche Glättspuren besitzt, hatte sie vielleicht magische Bedeutung. Von den aufgerichteten Monolithen der Megalithkultur ist das Exemplar von Buttelstedt aus landestypischem Muschelkalk mit seinen 2,50 Metern der größte in Thüringen. In Waldeck steht zwar ein größerer Stein, der aber nicht prähistorisch ist. Im Volksmund wird der Buttelstedter Menhir „Wetzstein“ genannt: Ein Hüne aus Ettersburg soll ihm einen anderen zugeworfen haben, damit der seine Sense schärfen konnte. Selbiges erzählt man sich umgekehrt in Ettersberg, wo sich ebenfalls ein Menhir befindet, der heute als Parkbank verbaut ist. Der Menhir von Sangerhausen, der für Megalithkultur typische Näpfchen auf der Vorderseite aufweist, wird heute als Wegweiser zweckentfremdet. Als Kriegerdenkmal leistet jener in Hackpfüffel, ein paar hundert Meter hinter der Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt, seinen Dienst.

Übrigens: Den Stein von Berga bei Kelbra hat ein Riese aus seinem Schuh geschüttelt, weil der ihn beim Gehen piekste. Und das könnte doch Anlass genug sein, den Gang aufs Land zu wagen. Der Blut- und Nebelmonat November ist angebrochen, also wird’s Zeit, die Stiefel rauszuholen und zur Abwechslung statt auf Pilzjagd mal auf Hinkelsteinsuche gehen. Und sich danach in Johannes Grohts üppigen Bildband zu vertiefen und über mehr als 400 Aufnahmen staunen, in denen (Megalith-)Kultur und Natur auf wunderbare Weise verschwimmen.

Johannes Groht: Menhire in Deutschland

Herausgegeben von Harald Meller, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt Halle 2013

504 S. – 49,90 €

www.menhire.net

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