Roland Leithäuser | Drucken05.07.2002 

Verfall einer Familie, amerikanisch

Franzen schreibt lakonische Geschichten vom Scheitern

Amerika, Du hast es leichter! Während der deutsche Literaturbetrieb im verflixten dreizehnten Jahr nach der Wiedervereinigung noch immer auf den großen deutschen Gegenwartsroman wartet, bringt der nordamerikanische Buchmarkt in fast halbjährlichen Abständen und unter großem öffentlichen Geschrei jeweils neue, anspruchsvolle und episch-ausladende Romane auf den Markt, die allesamt das veränderte Bewußtsein der amerikanischen Gesellschaft vortrefflich nachzuzeichnen scheinen. Mit Jonathan Franzens Roman ?The Corrections? liegt nun sogar das Roman-Debüt eines jungen Autors vor, der aufgrund seiner epischen Erzählkunst und Wortgewalt mit dem großen Thomas Mann verglichen wird.

Als Tom Wolfe noch vor fünfzehn Jahren in einem seinen Erfolgsroman ?Bonfire of Vanities? begleitenden, durchaus pessimistisch gestimmten Essay die Sinnlosigkeit des realistischen Romans postulierte und von nachfolgenden (amerikanischen) Schriftstellergenerationen den Mut einforderte, sich erneut auf eine ?stürmische Fahrt? ins Innere der amerikanischen Gesellschaft zu begeben, da konnte er wohl kaum ahnen, wie sehr sein Aufruf von alten und jungen Literaten in den kommenden Jahren beherzigt werden würde. Während sich Wolfe vorübergehend vom Genre des Gesellschaftsromans zurückzog, traten lange unterschätzte Autoren wie Don DeLillo oder Philipp Roth mit Werken an die literarische Öffentlichkeit, die eindrucksvoll belegten, wie eine Symbiose aus realistischer Erzählweise und poetischer Bildhaftigkeit funktionieren könnte. Gerade DeLillos ?Underworld? erfuhr uneingeschränkte Achtung auch und gerade in Europa, er hatte, um es mit einem Buchtitel von Philipp Roth zu sagen, die ?Great American Novel? geschrieben, die nach Wolfes Meinung in diesen Zeiten nicht mehr möglich war.

Franzen hat nun mit ?The Corrections? ein würdiges Erbe angetreten, DeLillo und andere zeigten sich voll des Lobes für sein opus magnum. Der Roman führte monatelang die Bestsellerlisten an und sein Autor konnte es sich sogar leisten, eine Einladung in Ophrah Winfreys Buchclub mit dem Verweis auszuschlagen, der fundamental gesellschaftskritische Gehalt seines Werkes werde von Amerikas bekanntester Talkmasterin nicht ausreichend gewürdigt.

Viel Rummel um ein Buch also, das eigentlich eine einfache Geschichte aus dem Herz des amerikanischen Traums erzählt. Es ist die Familiengeschichte der Lamberts, einer aus dem Mittleren Westen stammenden Familie, die zusammengehalten wird durch den unermüdlichen Einsatz der mater familia, Enid. Sie und ihr Mann Alfred fristen in St. Jude, einer fiktiven Stadt irgendwo in Iowa oder Idaho ein Pensionärsdasein der besonderen Art: Alfred, ehemals leitender Ingenieur einer Eisenbahngesellschaft, bekennender Rassist und Misanthrop und zudem die Stadien einer fortschreitenden Parkinson-Erkrankung durchlebend, wird seiner Frau zunehmend zur Belastung, während sie eigentlich genug damit zu tun hat, sich um das Wohlergehen ihrer drei Kinder Denise, Chip und Gary zu grämen. Chip hat unlängst seine Anstellung als College-Dozent wegen einer Affäre mit einer Studentin verloren, bewohnt ein Appartement in Manhattan und arbeitet an der Veröffentlichung eines Stückes, das aufgrund seines ausufernden Prologs keine Gnade vor den Verlegern findet. Gary, der in Pennsylvania leitender Angestellter einer Bank ist, muß sich fortwährend vor seiner Frau und ihrem Verdacht verteidigen, er sei manisch depressiv und nur noch am Geldverdienen interessiert. Denise schließlich hat nach einem abgebrochenen Studium und einer anschließenden Ausbildung zur Köchin als chef de cuisine in einem New Yorker In-Lokal scheinbar den Gipfel ihrer Karriere erreicht, schlägt sich dafür aber in ihrer Gefühlswelt mit nicht verarbeiteten Beziehungen und Affären zu Partnern beiderlei Geschlechts herum.

Diese schrecklich nette Familie soll, so ist es Enids Wunsch, noch einmal ein gemeinsames Weihnachtsfest in St. Jude verbringen, bevor es sie endgültig in alle Winde zerstreut. Franzen wählt das anstehende Ereignis als gleichzeitigen Climax und Schlußpunkt seines Romans, erzählt bis dahin aber aus wechselnden Perspektiven und durch zeitliche Rückblicke die Geschichte der Familie von der Geburt der Kinder bis zum heutigen Tag. Die Biographien seiner Charaktere sind dabei bis ins kleinste Detail ausgeschmückt und diese Liebe zum Detail muß als großer Gewinn des Romans gelten, auch wenn sie bisweilen gewisse Längen zeitigt.

Chip trifft im Büro seiner Verlegerin einen abgehalfterten Geschäftsmann aus Litauen, der ihn dazu überreden kann, mit ihm ins Baltikum zu reisen und dort an einem großangelegten Devisenschwindel teilzuhaben. Derweil ergehen sich Denise und Gary im Auftrag Enids in der Sondierung von medizinischen Präparaten, die für eine Verbesserung von Alfreds Krankeitsbild bürgen könnten. Tatsächlich tun sie ein pharmazeutisches Unternehmen auf, welches angeblich eine Gen-Therapie für Parkinson-Patienten entwickelt hat, sich aber noch in der Testphase befindet. Ironischerweise besitzt der Bänker Gary gerade von diesem Unternehmen ein gewaltiges Aktienpaket in seinem Depot. Die Korrekturen, und darauf spielt der Romantitel trefflich an, durchziehen wie ein roter Faden das Leben jedes einzelnen der Protagonisten. Um für ihr Eheleben eine Korrektur herbeizuführen, beginnt Enid mit Alfred von New York aus eine Kreuzfahrt, die schließlich abrupt endet: fast im Zustand völliger Demenz geht Alfred eines Abends über Bord und kann nur mit Mühe gerettet werden. Der Glaube, mithilfe von Medikamenten die nötigen Korrekturen herbeiführen zu können, erweist sich ebenfalls als kaum viabel: Enid bekommt während der Kreuzfahrt die gleichen Tabletten als Tranquilizer verschrieben, die auch Alfred gegen das Fortschreiten seiner Krankheit und Gary gegen seine vorgeblichen Depressionen einnimmt. Beim großen Finale schließlich, dem gemeinsamen Weihnachtsfest, entlädt sich zum letzten Mal die Wut der Beteiligten über ihr offenkundig verpfuschtes (Gefühls-)Leben. Glücklich zeigt sich allein Chip, der einem Volksaufstand in Litauen nur in letzter Minute heil entkommen konnte.

Franzens Buch ist eine traurige Komik inhärent, Ausdruck eines Gefühls, das der Autor nach eigenem Bekunden für den dauerhaften Gemütszustand der meisten seiner Mitbürger sieht. Die Lebensläufe der Lamberts sind chronologisch aufbereitet und verzeichnen jeden verzweifelten Versuch, die Fehlentwicklungen zu korrigieren, ohne oftmals jedoch zu wissen, was eigentlich genau in ihrem Leben sie so unzufrieden macht. Fast wie nebenbei entwirft Franzen das Porträt einer Gesellschaft, die in ihrem Machbarkeitswahn zum ersten Mal Grenzen aufgezeigt bekommen hat. Obwohl er lediglich den status quo konzediert (und dabei sehr aktuell ist, wie seine Bemerkungen über den Neuen Markt und die Genforschung verraten), liest sich The Corrections wie die Beschreibung eines langsamen Verfalls, der, ähnlich wie schon in den Buddenbrooks, am Schicksal einer Familie den Untergang eines gesamtgesellschaftlichen Wertesystems demonstriert.

Doch schreibt Franzen die Geschichte dieses Untergangs wenn auch als Epos, so doch gnadenlos realistisch. Lakonisch erzählt er Geschichten vom Scheitern, das Abseitige seiner Figuren ist ganz aus dem Leben gegriffen und stützt sich nicht, wie z.B. bei DeLillo, auf mythische Deutungsversuche. Ob Franzen mit seinem Roman in Europa ähnlichen Erfolg haben wird wie in den USA, muß wohl bezweifelt werden. Trotzdem erstaunt den Leser die Leichtigkeit und Entspanntheit, mit der hier Weltliteratur geschrieben wurde. Das Fortbestehen des großen amerikanischen Romans ist bis auf Weiteres gesichert.

Jonathan Franzen: The Corrections
Farrar, Strauss and Giroux, New York 2001
568 Seiten. US $ 26
Die Korrekturen
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bettina Abarbanell
Rowohlt Verlag, Reinbek 2002
782 Seiten, 24,90 €

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