Fabian Stiepert | Drucken13.10.2014 

Die große Nicht-Debatte zum großen Nicht-Roman

Der Literaturherbst bringt zahlreiche Neuerscheinungen mit sich. Wieso redet man da ausgerechnet am meisten über Judith Hermanns Roman „Aller Liebe Anfang“?

Judith Hermann und ihr neues Buch (Fotos: Ordu Oğuz, CC BY-SA 2.5 / S. Fischer)

Man kann auch aus etwas privateren Gründen heraus einen Autor oder eine Autorin ablehnen. So kann es beispielsweise passieren, dass eine bestimmte Autorin sehr gerne aufs Tapet gebracht wird, wenn man sich gerade auf einer Party nett über Literatur unterhält. Meist nur sehr zaghaft und voller Bewusstsein hinsichtlich der vorherrschenden Ressentiments wird die Autorin Judith Hermann ins Feld geführt, wenn es um vermeintlich lesenswerte deutschsprachige Gegenwartsliteratur geht. Wenn eine der Gesprächsparteien über ein Gespür dafür verfügt, was Literatur zu sein hat, damit sie auch wirklich Literatur ist, so muss diese sich zurückhalten, nicht aufs radikalste zu intervenieren und Judith Hermann lautstark kurz und klein zu reden.

Überführt man diese Debatte nun in den großen Rahmen des Kritikerzirkus in den deutschen Feuilletons, so fällt auch hier die sehr geteilte Meinung auf, was Judith Hermann konkret und in diesem Herbst ihren ersten Roman Aller Liebe Anfang betrifft. Während Edo Reents in der FAZ kräftig austeilt und Hermanns Roman auf allen Ebenen verreißt, wittert Iris Radisch in der ZEIT ein „gestriges Paternalistentum“. Nun gut, wo Reents Rundumschlag zu weit geht („Sie kann nicht schreiben und sie hat auch nix zu sagen“), greift Radischs Inschutznahme zu kurz.

Dabei kann man es ohne großen Mittelweg so wunderbar kurz machen mit dieser zum Roman von Autorin und Verlag hochgejazzten Erzählung, die schlichtweg das Prädikat Roman nur aufgrund des großen Namens ihrer Verfasserin trägt, die wohl endlich mal sowas richtig langes schreiben wollte, was man am Ende eben voller Stolz Roman nennen kann, auch wenn es eigentlich keiner ist. Das liegt in erster Linie daran, dass Personal und Handlung so dürftig ausfallen, dass man selbst als gewiefter Hobby-Lektor das Buch locker auf ein Viertel seines Umfangs herunterstreichen kann.

Ach ja, bevor man es in der großen Debatten-Hektik rund um das Buch vergisst, hierum geht’s: Stella lernt Jason kennen, beide ziehen zusammen in eine Siedlung am Stadtrand und kriegen eine Tochter namens Ava. Eines Tages nähert sich der „Mister Pfister“ genannte Nachbar immer wieder dem Haus von Stella, Jason und Ava. Er hinterlässt Briefe, klingelt ungebeten und gestaltet seine Besuche immer regelmäßiger.

Das Thema Stalking lässt sich ohne allzu großen Aufwand spannend wie auch psychologisch interessant erzählerisch realisieren. Bei Judith Hermann plätschert alles bedeutungsschwanger dahin, woran sich auch ihre Kernschwäche wunderbar manifestiert. Literatur lebt nämlich oft davon, dass der Text ein Gleichgewicht von Geheimnissen und Offensichtlichem respektive Detailreichtum besitzt, der den Leser bei der Stange hält. Hermann dagegen kleistert ihren „Roman“ stattdessen mit übertrieben langen Interieursbeschreibungen zu. So liest man auf Seite 12: „Im Wintergarten riecht es nach Erde und nassem Kies. Über dem Sofa eine orangene Decke, auf dem Tischchen davor Kinderbücher, Wachsmalstifte, eine Teekanne, auf dem Teppich ein einzelner Schuh von Ava neben einem Stapel Zeitschriften.“

Hier sei doch bitte die Frage gestattet, ob Judith Hermann schon nach so wenig Seiten die Ideen ausgingen, um ihrer trügerischen Vorstadtidylle als Setting gerecht zu werden. Schließlich weiß doch jeder, wie man sich das vom Kleinkind auf den Kopf gestellte, aber immer noch ordentliche Reihenhaus vorzustellen hat. Thomas Bernhard hat über die Beschreibungsarmut seiner Romane einmal gesagt „Ich schreib doch nicht für Depperte.“ Judith Hermann scheint sich genau das Gegenteil gedacht zu haben.

Man muss es letztendlich darauf festnageln, dass die Mangelhaftigkeit von Judith Hermanns Büchern und ihrer Schreibe in der totalen Spracharmut liegt, die zugleich auch Teil ihrer bedauernswerten Poetologie zu sein scheint, die seit ihrem Debüt 1998 auch heute noch eine bestimmte Kritikerklientel zu Begeisterungsstürmen hinreisst. Dabei muss man bei Hermanns meist extrem kurz geratenen Sätzen nicht einmal sehr genau hinlesen, um zu erkennen, wo der Fehlerteufel sein Unwesen treibt. So wird in Aller Liebe Anfang die Flasche am Mund angesetzt, um daraus einen „sachlichen Schluck Wasser“ zu nehmen oder eine Zigarette knistert „exaltiert“. Zuerst einmal ist fast jeder Schluck Wasser primär der Dursttatsache geschuldet und eine Zigarette knistert nun mal, wie sie knistert. Falls jemand das Knistern von verschiedenen Zigarettenmarken als unterschiedlich empfindet, der möge sich für die letzten zwei Ausgaben von Wetten, dass...?! bewerben.

So bleibt wohl abschließend nur anzumerken, dass Aller Liebe Anfang sehr schnell in Vergessenheit geriete, wenn es von irgendeiner jungen Debütantin stammen würde, die einst gedacht hat, dass sie sich mit dem adjektivbefreiten Gestammel aus Hermanns Frühwerken Sommerhaus, später und Nichts als Gespenster literarisch einen Namen machen könnte. Wenn man dies noch weiterdenkt, könnte man fast davon ausgehen, dass Judith Hermann an sich gar keine Autorin ist, sondern nur eine personifizierte Plattform, die die unausgegorenen oder gescheiterten sowie auch gänzlich banalitätsschwanger angesäuselten Wünsche und Sehnsüchte der jetzt noch hippen Großstädter und (später dann) enervierenden Ökoeltern eins zu eins zu formulieren weiß.

Judith Hermann: Aller Liebe Anfang

S. Fischer

Berlin 2014

224 S. – 19,99 €


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