Fabian Stiepert | Drucken12.10.2012 

Lieber eine Brotzeit statt Nullzeit

Juli Zehs Roman „Nullzeit“ funktioniert nicht als das, was er sein will

Juli Zeh ist die große Konsensautorin unserer Tage. Kritiker und Publikum lieben sie gleichermaßen. Romane wie Spieltrieb oder Corpus Delicti sind im Kanon so gut wie angekommen. Letzterer Roman wird sogar schon als Schullektüre herangezogen, lässt sich doch in diversen Unterrichtseinheiten so wunderbar darüber sprechen. Dieser Ruhm ist mit nicht einmal vierzig Jahren sehr beträchtlich, sofern man Zehs Büchern nicht knallhartes Kalkül und ihrer regen Produktivität übermäßigen Ehrgeiz unterstellen mag. Nun hat es Juli Zeh schon wieder geschafft ein Buch zu schreiben, das einerseits über deutsche Befindlichkeiten referiert, andererseits aber auch ein Exempel dafür statuiert, wohin Abhängigkeitsverhältnisse und erotische Macht führen können. Themen, über die man eben sehr gut reden kann, egal ob im Schulunterricht oder mit guten Freunden.

Mehr oder weniger sympathischer Held von Nullzeit ist Sven, der vor vierzehn Jahren von Deutschland aus nach Spanien ausgewandert ist, um sich dort auf einer beschaulichen Insel mit einer eigenen Tauchschule selbständig zu machen. Natürlich hatte Sven auch das schlechte Wetter und die Bürokratie in Deutschland satt. Es ist schon komisch, dass sich Deutsche immer rechtfertigen müssen, sobald sie ins Ausland ziehen und dort bis zum Rest ihres Lebens bleiben wollen. Svens ehemalige Nachbarin und Geliebte Antje ist ihm treu gefolgt und fungiert als Organisatorin und Sekretärin in Svens Tauchschule. Der Laden läuft gut, Sven liefert als Tauchlehrer solide deutsche Wertarbeit für gut betuchte Touristen, die ihn fürstlich entlohnen.

Im November 2011 nimmt ein prominentes Pärchen Svens Dienste in Anspruch. Sie, Jolante von der Pahlen, spielt seit Jahren in der Telenovela Auf und Ab mit, möchte aber durch die Teilnahme am Tauchkurs die Hauptrolle in einem Biopic über die legendäre Tauchikone Lotte Hass ergattern. Er, Theo Hast, ist Schriftsteller und ruht sich immer noch auf den nicht gerade groß ausgefallenen Lorbeeren seines ersten Romans aus. Dass er ohne seine weitaus jüngere Lebensgefährtin finanziell nicht über die Runden kommt, wird schnell klar. Das Problematische an der Dreieckskonstellation mit Sven als Tauchlehrer und seinen beiden schwierigen Schülern steigert sich im Romanverlauf kontinuierlich. Sven, der sich am liebsten seit Jahren aus allem herausgehalten hat, wird auf einmal zum Spielball zweier Intriganten, deren jeweilige Ziele jedenfalls alles andere als klar erscheinen.

Meisterhaft und mustergültig rührt Juli Zeh diesen Cocktail aus Psychothriller und Auswanderergeschichte zusammen. Trotzdem ist Nullzeit kein gutes Buch und das hat seine ebenso guten Gründe. Manche Stilblüte in diesem Buch würde man anderen Autoren gnadenlos um die Ohren hauen. Erstaunlich, dass sich niemand sonst, seien es Leser oder Kritiker, über Sätze aufregt wie: „Der Campari bezog sich irgendwie auf Jola und Theo“, „In Filmen sind Menschen, auf deren Porträt ein Reptil sitzt, am Ende verrückt“, „Wie Zeitlupenvögel(!) glitten die Rochen durchs Wasser“, „Niemand weiß, wie es in der Seele eines Rochen aussieht“. Es ist erstaunlich, dass Alkohol Referenzpunkte haben soll, die Autorin ihre Figuren haltlose filmtheoretische Bemerkungen machen lässt, die Ornithologie um die Art des „Zeitlupenvogels“ unfreiwillig bereichert wird und auch noch sinnentleerte Mutmaßungen über das Innenleben von Meerestieren ausgesprochen werden. Nun ist der Ton des Romans allgemein fernab der literarischen Hochsprache gehalten, solche Schnitzer sorgen aber trotzdem entweder für ratloses Schulterzucken oder unfreiwillige Komik.

Weiterer Schwachpunkt des Romans ist seine an entscheidenden Stellen fehlende Glaubwürdigkeit. So kann die aus reichem Elternhaus stammende Jolante am Ende völlig unerwartet ein Segelboot bedienen und ist damit für das Gelingen der finalen Tauchexkursion verantwortlich. Wenige Seiten davor treffen sich Dailysoap-Darsteller, Fotographen, Autoren und Literaturkritiker auf einem Schiff und gondeln mit High-Class-Catering vor der spanischen Küste entlang. Das taugt weder als Karikatur des überkandidelten Kunstbetriebs noch als Zeitgeistporträt einer Mediengesellschaft, in der alles irgendwie zur Kunst wird, was eine breitere Öffentlichkeit findet. Ganz egal, ob solche Ausflüge tatsächlich stattfinden, so recht passen will so eine Veranstaltung in die verwegene Idylle einer nur gering touristisch frequentierten Insel dann doch nicht.

Nullzeit ist eines dieser Bücher, die man weder wirklich gut noch so richtig schlecht finden kann. Wenn der Roman wirklich ein „Psychothriller“ sein will, dann kommt er entschieden zu zahm und im wahrsten Sinne des Wortes blutarm daher. Als Bestandsaufnahme des Status quo der Bundesrepublik – der ausgerechnet auf einer abgelegenen Insel erkennbar gemacht werden soll – macht es sich das Buch dann mit Svens heimlichem Wutbürgertum in Hinblick auf deutsche Bürokratie und Leistungsdruck doch ein wenig zu einfach. Sagen wir es einigermaßen versöhnlich und abschließend so: Mit ein wenig mehr Willen zu einer eindeutigen Form hätte Juli Zeh vielleicht einen der besseren Unterhaltungsromane dieser Saison geschrieben.

Juli Zeh: Nullzeit

Schöffling & Co.

Frankfurt/Main 2012

256 S. – 19,95€


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