| Drucken06.10.2006 

Konzert in Prosa: Angelika Krauß liest aus „Wie Weiter” (Thomas Schulz)

Angela Krauß liest aus ihrem Prosastück Wie weiter
Saal 3 im Haus des Buches
28. September 2006


"Sich fallen lassen wie eine Schneeflocke"


Lesungen haben manchmal etwas von einem solistischen Konzert. Der Künstler betritt die Bühne, schlägt das Notenheft auf und entlockt seinem Instrument faszinierende Töne. Selten trat dieser Vergleich so deutlich vor Augen wie an diesem Abend.

Angela Krauß bezirzte ihr Publikum mit sanften Melodien, die das Unsagbare fühlbar machten und es doch unberührt ließen. Die Frage nach einem Wie weiter darf nicht als unheimliche Formel menschlicher Projektionen verstanden werden. Vielmehr möchte die Autorin ihre Leser für den Augenblick sensibilisieren, ihnen aufzeigen, dass das Gegenwärtige schon im nächsten Moment zu Staub zerfällt und unweigerlich zum Abstraktum der Geschichte wird. Hat man dies erst begriffen, avanciert das Leben zum Spiel, verdichtet sich im Lidschlag der Gegenwart und schärft den empfindsamen Blick für die Zukunft.

Schon in den Frankfurter Poetikvorlesungen macht die in Chemnitz geborene Angela Krauß deutlich, dass der Mensch unbewusst einer unstillbaren Sehsucht nach Vollkommenheit folgt. Sie zu erreichen, verlangt einen Menschen, der seine individuellen Erfahrungen sammelt und zwischen den Polen Wehklage und Vorfreude das Poetische für sich bestimmt. Für diese individuellen Lebenswege findet Angela Krauß im Zentrum ihres neuen Prosawerkes die Metapher von fallenden Schneeflocken. Einzigartig in ihrer komplexen Erscheinung gleiten sie zu Boden, ohne sich dabei gegenseitig zu berühren. Sicherlich handelt es sich um ein idealisiertes Bild, das Angela Kraus mit den vielfältigen Farben ihrer Sprache malt. Aber darin liegt auch das Verführerische, sich einfach treiben zu lassen, um dort festzumachen, wo das scheinbar Unmögliche an Form gewinnt.

Wie weiter bietet viel Raum zum Träumen, Denken und Wünschen. Das schmale Büchlein bewegt sich zwischen den Genres der Literatur und lässt sich nur schwer begreifen als Roman, Gebet oder Reflexion. Im Mittelpunkt des Geschehens steht eine Frauenfigur, die die Vergangenheit reflektierend nach Einheit und Ganzheit ihres Wesens verlangt. Dabei hält sie Zwiesprache mit drei Liebesmenschen, die sie auf ihrem Weg begleiten und ihr eines neben den vielen anderen Leben ermöglichen. Angela Krauß betonte Eingangs der Lesung, dass sie von ihren Lesern gefunden werden möchte. Nimmt man die zufriedenen Gesichter des zahlreich erschienenen Publikums zum Maßstab, so dürfte dem Wunsch vielfach entsprochen worden sein.


(Thomas Schulz)

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