Madeleine Rau | Drucken29.05.2005 

Lebensschule für Philosophen

Daniel Villasenor äußert sich in seinem Lebensroman "Stilles Wasser" zum Genießen des Alltags

Endlich ein Lebensroman. Ein Roman, der nach dem Leben sucht, Leben lehrt, Lieben lehrt. Daniel Villasenors Stilles Wasser zeigt die kleinen Dinge des Alltags, die wir vergessen haben wahrzunehmen. Es ist der Pfirsichmund einer Frau, die Form von Wolken, der Sand auf dem Bettlaken und der Sonnenschein auf den Blattspitzen einer Blume, an denen wir uns kindlich freuen können.

Der Philosoph Zachary Brannagan hat verlernt, sie zu sehen, er ist versunken in Gedankentheorien, hat die reale Welt zur Nichtexistenz zerdacht. Zerstreut landet er bei einem Psychiater, der ihn nicht für geistesgestört erklärt, sondern ihm die Aufgabe gibt, wieder ins Leben zu finden. Täglich eine Liste von Dingen zu schreiben, Dinge des Lebens, für die er blind geworden ist.

Zachary erfährt, dass er ein Adoptivkind ist und macht sich auf, seine leiblichen Eltern in Arizona zu finden. Eine Reise in die Wirklichkeit beginnt. Sie führt ihn nach The Lake, einem abseits gelegenen Waisenhaus. Anna versorgt hier elf ausgesetzte Kinder. Sie sind gelähmt, verkrüppelt oder epileptisch. Ihre Erzeuger wollten sie nicht. Zachary erlebt eine neue Welt. Eine, in der mit den Händen und dem Gefühl gearbeitet wird. Mit philosophischen Theoremen baut man keine Scheune. Im Höhlengleichnis steht nicht geschrieben, wie man ein gebrochenes Kinderbein verarztet.

Die Stimmung des Romans ist romantisch, lebensbejahend, stellenweise herrlich naiv. In vielen Details und einfachen Dialogen wird Alltag einfangen, und doch ist nichts alltäglich. So wird das Buch zu einer Kritik an der verwissenschaftlichten Lebenswirklichkeit von heute. Denn es ist die Welt der Kinder, von denen Zachary lernt. Eine Welt ohne Theorie.

Daniel Villasenor: Stilles Wasser

Rowohlt Verlag 2005, 19,90 €

Bildergalerie1 Bilder 

 

Kommentar hinzufügen

 
Fügen Sie hier Ihren Kommentar ein:
 
 
 

* Pflichtfeld

 

Tipps

Casanova in der MuKo

Cusch Jung hat die komische Oper "Casanova" von Albert Lortzing inszeniert. Premiere in der Musikalischen Komödie ist am 2. Juni

Schwanensee nach Mario Schröder

Zu der Ballett-Suite von Peter Tschaikowski hat Mario Schröder "Schwanensee" choregrafiert. Weitere Aufführugen sind am 25. und 26. Mai.

Gefährliche Liebschaften

Das Schauspiel Leipzig zeigt im Gohliser Schlösschen "Gefährliche Liebschaften" von Christopher Hampton. Premiere ist am 2. Juni.

Live-Mitschnitt bei Arte

Das Antrittskonzert von Andris Nelsons als Gewandhauskapellmeister ist noch bis 26. Mai als Live-Mitschnitt in der Arte-Mediathek zu finden.

EXTRAS

Out of Leipzig

Berichte aus der Hauptstadt und dem Rest der Welt

Jugend-Almanach

Die Extra-Rubrik für junge Autorinnen und Autoren

Friedrich-Rochlitz-Preis

Rückblick auf den Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik.

Lyrik & Prosa

Gedichte und Erzählungen im Leipzig-Almanach

Mitglied werden

Der Leipzig-Almanach braucht Ihre Unterstützung, damit er auch weiterhin nicht kommerziell bleibt. Werden Sie Vereinsmitglied! Als Dankeschön erhalten Sie einen Kinogutschein.

Newsletter

 

Registrieren Sie sich für den Newsletter des Leipzig-Almanach