Tobias Prüwer | Drucken21.02.2008 

Lesereise durch allzu menschliche Gefilde

Marco Wehr schenkt auf unterhaltsame Weise scheinbaren Selbstverständlichkeiten neue Aufmerksamkeit

Kinder besitzen oft eine Genialität, die im Erwachsenenwerden verlorengeht. Es ist, also ob wir mit den Jahren in das Gefängnis von Konventionen und Meinungen, der Verdeckungen und Unbefragtheiten eintreten, wobei wir die Unbefangenheit des Kindes verlieren.
Karl Jaspers: Was ist Philosophie?Wie Kinder uns zum Denken bewegen. Der Untertitel verspricht eigentlich nichts Gutes. Schließlich gibt es infantile Drucksachen, in denen gerade das Denken ausgeschaltet ist, bereits im Überfluss. Marco Wehrs Buch bildet jedoch von solcherlei Unsinn eine erholsame Ausnahme. Denn er legt keinen weiteren Baby-Tuning-Ratgeber oder "Du bist Deutschland"-Apologie vor, sondern eine unterhaltsame wie stimulierende Lektüre.

Wieso bringt uns gerade kindliche Neugier an die Grenzen unseres Wissens? Weshalb scheinen Kinder in einer eigenen Zeit zu leben und warum sind sie so überaus tapsig? - Wehr nimmt Kinder und ihr zuweilen Fragen aufgebendes Verhalten zum Anlass, über die Welt und uns selbst zu reflektieren. Dabei entfaltet er einen bunt-belesenen Parcours durch allzumenschliche Gefilde und übt elegante Kritik an eingerosteten Weltbildern; etwa jene Vorstellung von der kompletten Planbarkeit der Welt. So zeigt Wehr auf, angesichts skurriler Maßnahmen, die frühkindliche Intelligenz mit technischem Schnickschnack zu stimulieren, wie wissenschaftsgläubiger Unverstand zu allerlei Unfug verführt. Da wird von Ratten auf Menschen geschlossen, von Sehnerven auf Verstehensleistungen und Selbstverständliches völlig vergessen: Zur Entwicklung ihrer Fähigkeiten brauchen Kinder Menschen um sich. Doch empathisches Lernen ist nicht quantifizierbar, weshalb es eben Lernroboter bedarf. Ähnliche Fehleinschätzungen zeigt Wehr am Beispiel Zeit, die uns unter dem Diktum von Effizienz ja permanent zu entrinnen droht. Uhren sind ja nicht deswegen konstruiert worden die Zeit zu messen, sondern um den Tag so einzutakten, dass sich die Menschen etwa in ihren Arbeitsvollzügen synchronisieren lassen. Mit zahlreichen Beispielen führt der Autor vor, wie verschiedene Haltungen - Alltag, Urlaub, Spiel - das Gefühl für die Zeit, oder besser: das Zeitgefühl, maßgeblich beeinflussen und man nur unter einer bestimmten Perspektive auf die Idee kommt, Zeit könnte verschwendet werden.

Dabei verfällt Wehr nicht dem naiv romantisierenden Ton, Kinder seien die wahren Menschen, aus denen das soziale Korsett noch nicht die Zombies des Erwachsenenseins gemacht hätte, und fegt gleichsam die populäre Vorstellung vom Tisch, weißen Menschen lägen die Fähigkeit abstrakt zu denken und farbigen Basketball und Rhythmus im Blut. Seine Ausführungen beschränken sich auch nicht auf Kinder, sondern gewinnen durch diese inspiriert Einsichten in Komplexität wie Besonderheit der conditio humana. Sie beleuchten darüber hinaus blinde Flecken unserer eingeschliffenen Verhaltensweisen. Wissen wir seit Platon, dass Philosophieren und damit Nachdenken mit dem Staunen beginnen, so muss man sich wundern, warum dieses bei vielen Menschen irgendwann verstummt. Unhinterfragtem wieder Aufmerksamkeit zu schenken ist Wehrs Projekt im Buch. Es sind keine neuen Wahrheiten, die er unterbreitet. Aber er zeigt auf hübsch leserliche Art, warum die Kunst der Frage wichtiger ist als die Präsentation vorgefertigter Antworten. Auch wenn seine Beispiele manchmal von überkommenen Geschlechterrollen zehren - Mama bäckt einen Kuchen, Papa bastelt am Rasenmäher - redet Wehr in plausiblem Ton einem Bildungsgedanken das Wort, der Skepsis vor Dogma setzt und zum Selbst-Denken anleitet. Einer Eigenschaft, die für mündige Menschen wesentlich ist, mag man sie nun kindliche Neugierde nennen oder Weltoffenheit.

Marco Wehr: Welche Farbe hat die Zeit? Wie Kinder uns zum Denken bewegen
Eichborn Berlin
Frankfurt / M. 2007
244 S. - 16,90 €
www.eichborn-berlin.de

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