Dajana Bajkovic | Drucken21.03.2003 

Sie kam, sie las, sie überzeugte

Zur Buchmesse: Judith Hermann liest aus ihrem Erzählband "Nichts als Gespenster"

Pünktlich um 20.30 Uhr komme ich in der Schaubühne Lindenfels an. Doch es ist mir unmöglich, in das Gebäude hineinzukommen. Es herrscht ein Andrang wie vor einem Bus, in den hundert Menschen gleichzeitig einsteigen wollen. Mühsam drängele ich mich zur Kasse vor: "Entschuldigung, ich habe Karten vorbestellt." Endlich halte ich glücklich meine Karte in der Hand und entwische dem Gedränge in den luftigen Kinosaal. Doch die gute Luft verschlechtert sich zusehends. An die 500 Menschen, deren Durchschnittsalter ich auf 30 Jahre schätze, strömen in den Saal, schleppen zusätzliche Stühle mit sich, suchen ein Eckchen auf dem Boden oder stellen sich an den Rand. Respektvoll frei bleibt einzig und allein die schwarze Bühne.

Endlich erscheint sie, auf die alle warten: Judith Hermann, nebst Verleger ihres Erzählbands Nichts als Gespenster. Der Verleger weist stolz darauf hin, dass dieser Band auf den Büchermarkt bereits genauso eingeschlagen ist wie der vorangegangene Erstlingsband. Um die Prosaistin zu charakterisieren, zitiert er vorrangig den Literaturpapst Reich-Ranicki: Hermann sei die bedeutendste zeitgenössische Autorin, die durch ihr "sinnliches Erzählen" den Anschluss zu Böll, Bachmann und Handke vollzogen habe. Ihre Prosa besitze einen mächtigen Zauber, der die Leser wie ein Strudel in die Tiefe hinabzöge. Diese Eigenschaften weise auch ihr neuer Erzählband auf, dessen Eigenheit die Metapher "Geisterjäger einer vergehenden Epoche" wohl am besten umschreibe. Denn in den Erzählungen dieses Buches seien die Figuren ständig auf Reisen. Reisen als äußerster Zustand, der ein 'Bei-Sich-Sein' des Menschen in der Art verhindere, dass es zu einer konzentrierten Wahrnehmung der Umwelt und des Selbst komme. Das der Wirklichkeit entrückte Subjekt entwickle dabei die Fähigkeit, Dinge anders zu sehen als sie seien, ja sogar Dinge zu sehen, die nicht vorhanden seien.

Die Einführung entpuppt sich während der Lesung als exzellenter Anhaltspunkt, um sich in die Erzählung zu vertiefen, die Judith Hermann vorträgt. In berauschender Geschwindigkeit liest sie die Geschichte Die Liebe zu Ari Oskarsson, in der die Ich-Erzählerin - eine Klavierspielerin - mit ihrem einzigen Bandmitglied Owen - ein Sänger mit leiernder Stimme - zum Nordlichtfestival nach Tromsö in Norwegen fährt. Dort angekommen erfahren sie, dass das Festival ausfällt, weil sie die einzigen sind, die zu dieser Veranstaltung in die im äußersten Norden Europas gelegene Kleinstadt gereist sind. Die Ich-Erzählerin und Owen beschließen zu bleiben...

Und nun gerät das Zeit-Raum-Gefüge der Musikerin aus dem Gleichgewicht. Sich dessen bewusst, dass keiner weiß, wo sie sich aufhalten, bemerkt sie erstaunt, dass sie selbst nicht sagen könnte, wo sie sich befindet. Eine Woche vergeht im Flug und reicht nicht aus, um ihre vielfältigen neuen Beobachtungen, Gedanken und Gefühle zu ordnen: Sie und Owen beschließen, auf unbestimmte Zeit zu bleiben. In dieser Zeit, an diesem Ort begegnen sie neuen Menschen. Die Musikerin empfindet sie als gleichberechtigte Gegensätze oder Spiegelbilder und manchmal vielleicht auch als beides - wie den Norweger Ari Oskarsson, der Gegensatz und Spiegelbild in einem ist. All diese Menschen bringen ihr eigenes Ich, ihr Unterbewusstsein samt Gefühlen an die Oberfläche, ohne diese ganz vom Umhang des Bewusstseins zu enthüllen. Mehr soll von dieser spannenden Geschichte nicht verraten werden, denn es lohnt sich, selbst nachzulesen.

Wie spannend Hermanns Erzählung auf den Leser wirkt, beweist während der Lesung die konzentrierte Aufmerksamkeit, die im Saal herrscht. Und trotz des schnellen und dabei fehlerlosen Lesens entgeht keinem der Zuhörer der Humor, der sich oft hinter den nüchternen Gedanken der Musikerin verbirgt. Ein Beispiel dafür ist ihre Beschreibung von Owens Flugangst: Jedes Mal macht Owen ein Affentheater noch bevor er am Flughafen ankommt, und jedes Mal hält er krampfhaft und ein zerknülltes Stück Papier mit einem letzten Liebesgruß an seinen Sohn in der Hand, in der Hoffnung, dass es im Falle eines Absturzes unversehrt in seiner Hand gefunden und an seinen Sohn weitergeleitet wird.

Schon die Szene allein mutet lustig an. Doch in Verbindung mit der nüchternen Sprache wirkt sie so parodistisch und grotesk, dass den Saal eine Woge des Lachens durchzieht, die auch Judith Hermann ergreift. Aber es ist nicht nur der Humor, der alle Zuschauer gebannt auf das Podium blicken und lauschen lässt. Nein, auch die Sprache bezaubert, da ein ganz normaler Dialog, wie etwa dieser:Owen fragt mich: "Bist du glücklich?" - "Bin ich."

im Zusammenhang mit der Erzählung viel mehr ausdrückt, als er es an dieser Stelle vermag. Hermann erzählt gut, Hermann erzählt spannend, Hermann erzählt bildlich ..., doch das, was Hermann zwischen den Zeilen schreibt, ist nur im Kontext erfassbar. Der Bedeutungsgehalt von Hermanns Sprache ist wie ihre Beschreibung des Nordlichtes von Tromsö:ein vielfarbiger Wirbel und ins All geschossene Materie.

Judith Hermann liest aus Nichts als Gespenster
21. März 2003, 21.00 Uhr, Schaubühne Lindenfels

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