Roland Leithäuser | Drucken21.03.2002 

Knifflige Fragen der Jungfernschaft

Marlene Faro liest zur Buchmesse

Zu später Stunde versammelten sich an diesem Abend Neugierige, abgespannte Messebesucher und sogar der ein oder andere Autor des Verlags im Kellergewölbe der Moritzbastei, um einer "Lesung mit Musik" zu lauschen, wie man dem Programm von "Leipzig liest" entnehmen konnte. Der Titel von Marlene Faros neuem Buch erscheine auch passend für den Ort der Lesung, bemerkte Reclam-Verlagsleiterin Maria Köttnitz in ihrer kurzen Einführung.

Marlene Faro, österreichische Autorin und ehemals als Journalistin tätig für Cosmopolitan, mag nicht unbedingt allen literarisch Interessierten ein Begriff sein, doch zeichnet sie für einen der größten Publikumserfolge verantwortlich, den der Verlag Reclam Leipzig in den letzten Jahren verbuchen konnte: Der herrlich komische Frauen- und Zeitgeistroman Frauen die Prosecco trinken avancierte bei seinem Erscheinen im Jahr 1995 sofort zum Bestseller und ist in der Folge sogar verfilmt worden. Faros Prosa handelt stets von einem beherrschenden Thema: den Befindlichkeiten der emanzipierten Frau in der zunehmend differenzierter werdenden, postmodernen Gesellschaft. Witzig und voller Selbstironie porträtiert sie Frauentypen, die versuchen, dem Leben in relativem Wohlstand und nicht-repressiver Sexualität eine neue Note zu geben.

Nun hat sie mit An heymlichen orten ein Sachbuch vorgelegt, das die Entwicklung der Frau vom unterdrückten Geschlecht zur emanzipierten peer-group aus der Perspektive einer von Männern dominierten Gesellschaft betrachtet. Männer und der weibliche Unterleib lautet programmatisch der Untertitel des neuen Bandes, und schnell wird deutlich, worum es dabei bestellt ist: Sie hat nicht mehr und nicht weniger als eine Kulturgeschichte der Gynäkologie verfaßt. Ausgehend von den Schriften der Vorsokratiker und des Aristoteles, die Frauen grundsätzlich als "Mangelwesen" kategorisierten, führt Faros Buch den Leser chronologisch und anhand medizinischer und (pseudo-)philosophischer Schriften der jeweiligen Epochen durch die über zwei Jahrtausende währende Herrschaft eines patriarchalischen Gesellschafts- und Wissenschaftssystems, wobei sich vor allem letzteres, lange unter dem Einfluß religiöser Dogmen stehend, als maßgebliche Instanz in der kategorischen Einschätzung des weiblichen Körpers als "mangelhaft" und "obszön" herausstellte. Die Autorin hat für ihre Auseinandersetzung mit solcherlei Irrglauben interessante Quellen zusammengetragen, von denen eine grotesker als die andere klingt.

Wie bereits erwähnt nimmt die Geschichte der Gynäkologie im patriarchalischen Sinne ihren Ausgang bei Aristoteles. Ein anerkannter Denker und Wissenschaftler des Mittelalters wie Paracelsus unterscheidet sich nicht wesentlich von den zitierten antiken Philosophen, wenn er, wie bei Faro zu lesen ist, Frauen als "halbe Kreaturen" beschimpft. Die Geschichte der Denunziation des weiblichen Intimbereichs trägt viele prominente Namen. Auch Lorenz Oken ist dabei, angesehener Anatom, Freund Goethes und Herders und ein der Aufklärung verpflichteter Schöngeist. Seine Betrachtungen über die weiblichen Genitalien lesen sich ähnlich bizarr wie ein ebenfalls im späten 18. Jahrhundert erschienenes Handbuch der Krankheiten des Weibes, aus dem die Autorin mehr als einmal zitiert. Marlene Faro montiert in An heymlichen orten eine Vielzahl obskurer Quellen, deren pejorativer Tonfall sich von vornherein unfreiwilliger Komik preisgibt. Nur vereinzelt kommentiert sie besonders notorische oder gehässige Schriften und wissenschaftliche Debatten, wie beispielsweise die bis ins späte Mittelalter vorherrschende Frage der Mediziner und Ethiker, ob die Frau als Vernunftwesen oder als Tier zu begreifen sei.

Für die Lesung in der Moritzbastei hat die Autorin Faro gewissermaßen ein "Best of" der gynäkologischen Fachliteratur zusammengestellt. Das Publikum dankt es ihr durch zahlreiche Ausbrüche von Heiterkeit. Das in der Überzahl vertretene weibliche Publikum zeigt sich erfreut über die Manifestation von so viel Ignoranz und männlichem Chauvinismus. Eine von Faro vorgetragene Passage sorgt für Lacher, obwohl sie eigentlich eine tragische Dimension besitzt: Ein aus dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts stammendes Werk zur Sexualethik befürwortet ausdrücklich den bigamistischen Ehemann; die Aufforderung zur Vielweiberei leitet sich für den Verfasser aus der Erkenntnis ab, daß die erste Frau spätestens mit Eintreten des Klimakteriums als Geschlechtspartnerin nicht mehr in Frage komme - folglich sollte der Gatte erneut heiraten, um seine libidinösen Neigungen weiter befriedigen zu können. Tragisch daran stimmt die Tatsache, daß solche Ansichten in einigen Kulturkreisen bis zum heutigen Tage vorherrschen und daß die Geringschätzung des weiblichen Körpers auch in einer scheinbar vollständig emanzipierten Welt noch immer überaus präsent erscheint. Darüber sagt die Autorin bei ihrer Lesung leider nichts, die gynäkologischen Fehldeutungen der Postmoderne bleiben in ihrem Buch ausgespart.

Trotzdem bedeutete die Lesung zu später Stunde einen echten Gewinn: leichtfüßig und doch anspruchsvoll führte Marlene Faro die Leser zu den "heymlichen orten" weiblicher Identität, und so manch ein männlicher Zuhörer dürfte sich nach diesem Abend seiner insgeheim gepflegten misogynistischen Ansichten ein für allemal beraubt gesehen haben. Wer diese Rezension aufmerksam gelesen hat, darf jetzt noch einen Kommentar zur oben erwähnten "Lesung mit Musik" erwarten. Die Musik lief vom Band und beeinträchtigte deutlich das Vergnügen am Zuhören. Obschon leise im Hintergrund, blieb sie doch über den gesamten Zeitraum der knapp 45 Minuten währenden Lesung ein permanenter Störfaktor. Auch ein thematischer Bezug zum Thema der Lesung wollte sich bei der Auswahl der Musikstücke nicht so recht einstellen. Doch dies sei nur am Rande erwähnt. Insgesamt lieferte Marlene Faro eine über weite Strecken unterhaltsame und amüsante Lesung ab, die den meisten Besuchern nach einem anstrengenden Messetag wohl nur allzu gelegen kam.

Marlene Faro An heymlichen orten.
21. März 2002, Moritzbastei

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