Fabian Stiepert | Drucken31.07.2014 

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Die Fußball-WM ist vorbei. Womit soll man nun seine Zeit verbringen? Am besten natürlich mit anregender wie geistreicher Lektüre. Hier einige Empfehlungen für den Sommer

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Grégoire Delacourt: „Im ersten Augenblick“

Dieses schmale, harmlos aussehende Büchlein darf als ein veritables Skandalbuch angesehen werden. Niemand geringeres als Scarlett Johansson hat gegen den Autor Grégoire Delacourt prozessiert, um diesen Roman verbieten zu lassen. Dabei ist die Geschichte so witzig wie auch für Miss Johanssons Persönlichkeitsrechte völlig ungefährlich. Im ersten Augenblick handelt vom Automechaniker Arthur, der Hollywoodfilme liebt und so aussieht wie Ryan Gosling, „nur besser“ (wie auch immer man sich das vorstellen soll). Arthurs Welt gerät aus den Fugen, als eines Abends Scarlett Johansson an seiner Tür klingelt. Erst nach und nach stellt sich heraus, dass es sich bei Scarlett eigentlich um die Provinzschönheit Jeanine handelt, die als Werbemodel über die Käffer tingelt und die ewigen Verwechslungen leid ist. Der von einer tragischen Familiengeschichte geplagte Arthur ist voller Verständnis für Jeanine. Dass die beiden ein Paar werden, ist damit nur eine Frage von sehr kurzer Zeit.
Die Vorstellung, dass zwei so schöne Menschen wie Ryan Gosling und Scarlett Johansson wirklich ein Paar wären, ist so oder so kaum auszuhalten. Kein Wunder also, dass diese abgedrehte Liebesgeschichte kein gutes Ende nehmen kann. Delacourts gewitzter Schundroman punktet abseits seines Skandälchens mit treffsicherer Ironie, die einen über manch kitschigen Einschlag gerne hinwegsehen lässt.

Erschienen bei Atlantik, 208 S., 17,99 €


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Tomas Espedal: „Wider die Natur“

Ein Mann im vorgerückten Alter verliebt sich in eine um einiges jüngere Frau. So weit, so unspektakulär. So eine Geschichte, die bei Autoren wie Martin Walser oder Philip Roth meist als „Altherrengeseiere“ abgetan wird, gab es schon tausende Male in der Literatur. Aber hat man diese alte Geschichte (Tomas Espedal geht sogar bis ins zwölfte Jahrhundert zurück und flechtet die Geschichte von Abaelard und Héloise mit ein!) schon einmal in dieser Kompromisslosigkeit und Intensität gelesen? Nur ganz selten bislang, vielleicht sogar noch nie. Um ein vielfaches subtiler als sein norwegischer Autorenkollege Karl Ove Knausgard entblößt sich Espedal selbst, indem er die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion kunstvoll auflöst. Am Ende des Romans bleiben uns nur die Notizen eines Mannes um die 50, dem das fehlt, was wir die große Liebe nennen. Ob es sich dabei um ein fiktives Ich oder den Autor selbst handelt, wird einen noch lange beschäftigen.

Erschienen bei Matthes und Seitz, 192 S., 19,90 €


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Angelika Klüssendorf: „April“

Dieses Buch liest man am besten im legendären Leipziger Café Corso in der Brüderstraße. Immerhin spielen ein paar Szenen von Angelika Klüssendorfs „April“ dort. Wer sich wirklich beim besten Kuchen der Stadt und einer Tasse Kaffee auf diese Lektüre am Originalschauplatz einlässt, der wird merken, wie sehr sich Text und Schauplatz beißen. Einerseits das beschauliche Café, in dem die Uhren seit seinem Bestehens im Jahr 1912 still zu stehen scheinen, andererseits Klüssendorfs Leipzig der späten 1970er und frühen 1980er Jahre, in dem (Anti-)Heldin April sich durchschlagen muss. Hier wird ein Milieu beschrieben, das gefühlte Ur-Zeiten vor dem „Hypezig“ unserer Tage spielt. Wo heute urbane Freiheit geatmet wird, herrschte einst ein denunziatorisches System, in dem es der eigenen Nachbarin einen Heidenspaß bereitet hat, einen zu verpfeifen. Allein dafür, dass dieses mitunter etwas spröde Buch aufzeigt, welch positive Entwicklung unsere Stadt durchgemacht hat, kann man Angelika Klüssendorf dankbar sein. Dass sie mit April eine der originärsten und stärksten Frauenfiguren der deutschen Gegenwartsliteratur erschaffen hat, macht dieses Buch umso lesenswerter.

Erschienen bei Kiepenheuer und Witsch, 224 S., 18,99 €


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Katja Petrowskaja: „Vielleicht Esther“

Wenn man bedenkt, dass an Stümperhaftigkeit nicht zu überbietende Bücher wie Fabian Hischmanns Am Ende schmeißen wir mit Gold (s. Leipzig-Almanach vom 17.04.14) oder der ebenfalls sehr durchwachsene Roman Das Blutbuchenfest von Martin Mosebach für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert waren, dann sticht Katja Petrowskajas Vielleicht Esther doppelt positiv aus der Flut an Frühjahrs-Neuerscheinungen heraus. Nicht nur, dass Vielleicht Esther Mosebachs und Hischmanns Bücher meilenweit in den Schatten stellt. Hinzu kommt, dass es eine Autorin endlich einmal geschafft hat, die Errungenschaften unserer schönen neuen Technikwelt in einen literarischen Text gekonnt einzubauen. Kaum zu glauben, dass Katja Petrowskaja nicht von Kindesbeinen an Deutsch spricht und schreibt, sondern in Russland aufgewachsen ist. So viel Mut zu gewitzten Metaphern trotz der sehr ernsten Familiengeschichte, die in diesem Buch verhandelt wird, das würde man sich von mehr Debütanten wünschen.

Erschienen bei Suhrkamp, 285 S., 19,90 €


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Donna Tartt: „Der Distelfink“

Auf das bisherige Buch des Jahres, welches wohl in 2014 kaum noch qualitativ zu schlagen ist, sei ganz am Schluss hingewiesen. Donna Tartt gehört neben Jeffrey Eugenides und Jonathan Franzen zu den amerikanischen Star-Autoren, die sich gerne sehr viel Zeit lassen für einen neuen Roman. Geschlagene elf Jahre hat uns Tartt nun auf einen Nachfolger zu Der kleine Freund warten lassen. Es bleibt einem nichts anderes übrig, aber man muss sich in die Schlange der nahezu ausnahmslos euphorischen Kritiker einreihen, die vor diesem über 1.000 Seiten dicken Ziegelstein in die Knie gehen. So faszinierend, so doppelbödig und ambivalent wie Theodore Decker war ein Romanheld nur selten. Kurios ist dabei, dass Der Distelfink nun alles andere als eine Neuerfindung des Romans darstellt. Eigentlich ist die Geschichte von Theodore Decker, der bei einer Explosion in einem New Yorker Museum seine Mutter verliert und Carel Fabritius titelgebendes Gemälde Der Distelfink mitgehen lässt, ein klassischer Bildungsroman, ganz im Stil von Charles Dickens. Das macht aber gar nichts, denn dieses Buch beweist, dass Millionen Menschen sich im Zeitalter der visuellen Medien immer noch auf ein intelligentes, einmaliges Leseabenteuer einlassen, wenn es denn nur gut erzählt ist. Aber Donna Tartts neuester Roman ist nicht einfach nur gut erzählt, sondern ein Meisterwerk über die Überschneidungen von Kunst und Leben, dass man auch in einigen Jahrzehnten noch mit höchstem Genuss wird lesen können, weil es sich eben, wie es sich für ein Meisterwerk gehört, um etwas ganz und gar Zeitloses handelt.

Erschienen bei Goldmann, 1024 S., 24,99 €


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