Paula Rehwald | Drucken02.07.2017 

Ins Leben zurück

Jack Reynolds Roman sinniert über verschiedene Strategien im Umgang mit Schicksalsschlägen

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„Mir gefiel es, anderen Leuten dabei zuzusehen, wie sie mit einem Verlust umgingen, nicht weil ich es genoss, ihren Schmerz zu sehen, sondern weil ich mich irgendwie besser fühlte, wenn ich wusste, dass mein Schmerz nicht nur meiner war.“ Matthew verliert im Alter von 17 Jahren seine Mutter. Zurück bleiben er und sein Vater, der dem Alkohol verfällt. Es beginnt eine Suche nach dem passenden Umgang mit dem Verlust. Trost findet Matthew, wo er es am wenigstens erwartet – bei der Arbeit im Bestattungsinstitut.

Die Erzählung setzt kurz nach der Beerdigung von Matthews Mutter ein. Alles scheint zu zerbrechen: Sein Vater beginnt wieder zu trinken, die Schule startet nach den Sommerferien und er ist auf der Suche nach einem Nebenjob, um die Familie finanziell zu unterstützen. So kommt es, dass er nachmittags bei Mr. Ray im dem Bestattungshaus jobbt, das vor wenigen Wochen seine Mutter beerdigt hat. Während es zunächst Matthews einzige Sorge ist, ob er dort tote Menschen anfassen muss, merkt er schnell, dass die Arbeit mehr als nur Geld zu bieten hat. Es wird für ihn zum Ritual, an den Trauerfeiern fremder Menschen teilzunehmen und die nahestehenden Angehörigen der Verstorbenen zu beobachten. Sie fühlen, was er gefühlt hat und immer noch fühlt: Wut, Trauer, Verzweiflung, Liebe. Als er eines Tages auf das Mädchen Love trifft, deren Großmutter beerdigt wird, ist er überrascht. Die übliche Hilflosigkeit sucht Matthew in ihr vergebens und ihre ungeheure Stärke fasziniert ihn.

Erst nach etlichen Seiten bemerkt der Leser, dass es sich bei den Charakteren durchweg um AfroamerikannerInnen handelt. Zudem trägt die schnörkellose Schilderung der Wohnsituation in Brooklyn zur Authentizität der Geschichte bei – Drogen, Alkohol, Gangs, Waffen, all das hat Matthew mit seinen 17 Jahren bereits zu Gesicht bekommen. Die Geschichte, die zur Liebesgeschichte wird, wirkt nicht zu kitschig oder aufgesetzt. Dennoch ist sie häufig vorhersehbar und überrascht nur selten. Auch der Verlauf der Handlung ist recht simpel: Zu Beginn läuft alles schief in Matthews Leben und zum Schluss scheint es fast, als habe er bereits einen Weg gefunden, um mit dem Tod seiner Mutter umzugehen. Aber schließlich ist eine neue Liebe wohl auch das Einzige, das ihn das glauben und hoffen lassen kann.

Jason Reynolds: Love oder meine schönsten Beerdigungen

Aus dem Englischen von Klaus Fritz

dtv, Reihe Hanse

München 2017

288 Seiten – 14,95 Euro


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