| Drucken26.10.2004 

Manchmal fehlt der rote Faden: Ein Kinderbuch von Vera Eggermann (Babette Dieterich)

"Der rote Faden"
Eine Suchgeschichte von Vera Eggermann (Text und Illustration)

24 Seiten, gebunden, farbig illustriert
Atlantis Verlag 2004
13,90 Euro
ab 3 Jahre

Viele rote Fäden

Schön, dass hier der rote Faden einmal wörtlich genommen wird und sichtbar durch das ganze Buch führt. Überall hat Oma ihr Strickzeug dabei, auch beim Ausflug in das Spielzeugmuseum. Und da passiert es: Jemand rollt ihr rotes Wollknäuel weg, und die Geschichte nimmt ihren Lauf. Heidi und Hannes, die beiden Enkel der strickenden Oma, folgen dem roten Faden und erleben viele Überraschungen. Auf der Suche werden sie unterstützt von verschiedenen Spielzeugen, die die turbulente Gelegenheit genutzt haben, um aus dem Museum auszubüchsen. Da stakst der lange Kaspar an Heidis Hand durch die Stadt, ein Elefant ist mit von der Partie, zwei Pilze, eine Giraffe. Und es werden immer mehr. Eine kunterbunte Gesellschaft bahnt sich ihren Weg durch witzige Alltagsszenen, durch Supermärkte, chinesische Restaurants und Parkanlagen.

"Wohin führt wohl diese Tür?" Mit diesen Worten enden die meisten Texte zu den breit angelegten doppelseitigen Bildern. Eine etwas stereotyp wiederholte Frage, an der Kinder jedoch ihren Gefallen finden werden, lieben sie doch die wortwörtlichen Wiederholungen. Eine Technik, die auch in den Märchen häufig Verwendung findet. Auf den dazugehörigen Bildern verschwindet der rote Faden jedes Mal am rechten Bildrand in einer Tür. Wohin sie führt? Umblättern! Eine geschickte Technik, um Spannung zu erzeugen. Und schon sind wir mit der nächsten Doppelseite in einem völlig neuen Szenario.

Dem roten Wollfaden zu folgen, das ist eine mögliche Leseart dieses Buches. Doch es gibt noch weitere rote Fäden. Da sind die vielen Alltagsszenen, die es zu entdecken gibt. Und die vielen Figuren, die sich der suchenden Truppe anschließen. Seit wann ist der lustige Zeitungsverkäufer mit dabei? Und die schöne Dame mit dem geblümten Kleid, die ihm auf der letzten Seite die Zeitung abkauft, wann trat sie zum ersten Mal auf? Ist die Oma jedes Mal auf dem Bild? Und wenn ja, wo steckt sie? Und der rote Ballon? Neben dem roten Faden entwickeln sich viele weitere Fäden, die ihre eigene kleine Geschichte erzählen und sich am Schluss auf witzige Art und Weise zu einem bunten Teppich verdichten.

Auf der ersten Seite, wo die wichtigsten Protagonisten der Geschichte vorgestellt werden, werden allerdings auch Fährten gelegt, die die Autorin leider nicht mehr aufgreift. "Das ist Oma. Oma strickt gerne." Diesen Faden greift Vera Eggermann auf und spinnt ihn durch das ganze Buch. "Das ist Heidi. Heidi möchte Astronautin sein." Aha, eine interessante Information, die leider nur einmal auftaucht und dann verpufft. Entweder, sie ist entbehrlich, oder, sie sollte in irgendeiner Form nochmals thematisiert werden. Genauso ist es bei Hannes: "Das ist Hannes. Hannes mag Fledermäuse." Da haben beide Kinder sehr ungewöhnliche Vorlieben, mit denen die Autorin leider nicht spielt. Schade.

Auch der Text, der in diesem Suchebilderbuch eher eine untergeordnete Rolle spielt, hätte noch besser überarbeitet werden können. Auf der ersten Doppelseite heißt es links: "Heute gehen Oma, Heidi und Hannes ins Spielzeugmuseum. Warst du schon einmal im Spielzeugmuseum?" Hier spricht eindeutig ein Erzähler von außen, der sogar Fragen an die Zuhörer stellt. Auf der rechten Seite heißt es: "Am besten gefällt mir der lange Kaspar. Und dir? Während Oma strickt und strickt, schauen wir uns alles genau an." Jetzt spricht vermutlich Heidi, denn sie ist es, die auf dem Bild an die Vitrine klopft, in der der lange Kaspar steht. Diese Uneindeutigkeit, wer eigentlich spricht, durchzieht das ganze Buch, ist aber letzten Endes für das Verständnis der Geschichte unerheblich.

Insgesamt ist dieses Buch eine Fundgrube für neugierige Kinder und Erwachsene, eine spannende Reise, die man immer wieder unternehmen kann, um Neues zu entdecken. Dabei überzeugt die Autorin Vera Eggermann vor allem durch ihre detailverliebten, dennoch nie überladen wirkenden Bilder und durch eine hervorragende Ausgangsidee: Den roten Faden einmal sichtbar machen.

(Babette Dieterich)

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