Fabian Stiepert | Drucken30.09.2016 

Vom Verlust erzählen

Die Niederländerin Margriet de Moor hat mit „Schlaflose Nacht“ eine feine, schnörkellose Novelle geschrieben

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Eine Frau kann nicht schlafen. Sie befindet sich in einem Haus in der niederländischen Provinz und findet keine Ruhe. Sie versucht sich abzulenken, indem sie irgendetwas backt, egal ob süß oder herzhaft. Das Jahrhunderte alte Handwerk, das Formen von Teig in eine Quicheform hinein oder auf einem Blech, spendet ihr die gesuchte Ablenkung und Trost. Denn ihr Mann, der womöglich die große Liebe ihres Lebens war, hat sich einfach so erschossen. Kein Wunder, dass sie viele Nächte durchlebt hat, in denen ihre Gedanken rund um dieses Ereignis ihr den Schlaf geraubt haben.

Dies ist eine grobe Skizze der Handlung von Margriet de Moors Novelle Schlaflose Nacht, die bereits 1989 erschienen ist und nun in durchgesehener wie bearbeiteter Version beim Hanser Verlag neu aufgelegt wurde. Wer von diesen rund 120 Seiten aber eine intellektuell unterfütterte und gleichzeitig erbauliche Anleitung zum Trauern erwartet, der ist mit diesem kleinen Buch falsch beraten.

Auffällig ist viel mehr die Distanziertheit, die de Moor ihrer Ich-Erzählerin angedeihen lässt. Es werden eben nicht im großen Stil Tränen vergossen oder unzählige Besuche am Grab des Verstorbenen nacherzählt. Vielmehr geht es um die Überlagerung von Gegenwart und Vergangenheit. So trifft sich die Erzählerin immer wieder mit neuen Männern, die sie unter verschiedensten Gegebenheiten kennengelernt hat. Manchmal ist die Überlagerung der Zeiten so undurchsichtig, dass man gar nicht direkt weiß mit wem sie spricht. Ist das nun ein wenig prickelndes Date mit einer neuen Bekanntschaft oder wird berichtet wie die Liebe zu dem Mann, der nicht mehr da ist, langsam aber sicher aufkeimt? Dieser erzählerische Kniff zeigt das, was Blumfeld vor fünfzehn Jahren gesungen haben: Liebe ist eine Technik und ein System. Wenn wir das emotionale Kuddelmuddel rund um dieses niemals an Aktualität einbüßende Thema entwirrt haben, dann gibt es an dieser Aussage nichts zu rütteln.

Schlaflose Nacht ist eine unaufgeregt daherkommende Novelle und unterläuft die Erwartungen der Leserinnen und Leser ohne sie zu enttäuschen. Allein schon die knappere Form der Novelle lässt es nicht zu, dass wir unentwegt und ausschweifend vom Innenleben des durch den Freitod getrennten Paares berichtet bekommen. Es gibt nur das ungehörige Ereignis des Kopfschusses im Gewächshaus und die Frage wie man danach weitermacht. Margriet de Moors Heldin zeigt, dass nichts anderes übrigbleibt als sich weiterhin dem Leben in all seinen Facetten hin zu geben. Ob man damit glücklich wird, das steht auf einem anderen Blatt.

Margriet de Moor: Schlaflose Nacht

Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen

Erschienen bei Hanser

126 Seiten, 16 Euro


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