Fabian Stiepert | Drucken12.10.2011 

Als das Reden noch geholfen hat

Martin Walsers Roman „Muttersohn“ ist ein sehr jugendlich daherkommendes Alterswerk

Eines sollte man gleich zu Beginn wissen: In Martin Walsers neuem Roman geht es um sehr viel. Von Glaubensfragen, über Musik, Bandenkriminalität, Herkunft, Familie und Psyche bis hin zu Arno Schmidt. Schauplatz dieser selbst für Walser-Verhältnisse etwas übergroßen Ansammlung an Themen ist eine psychiatrische Klinik. Hier arbeitet der Held dieses Romans, namentlich Anton Percy Schlugen, als Pfleger und ist bei Klinikleitung wie Patienten gleichermaßen gern gesehen. Neben seiner Tätigkeit als Pfleger ist Percy ein begnadeter Rhetoriker, der ohne jedwede Vorbereitung und aus der Improvisation heraus spricht. Seine Vorträge werden besucht und gefeiert. Schließlich erzählt er dort eine ganz unerhörte Geschichte: Zu seiner, also Percys Zeugung, sei angeblich kein Mann notwendig gewesen. Er ist der festen Überzeugung, dass er sein Dasein dem zu verdanken hat, was gemeinhin als unbefleckte Empfängnis bezeichnet wird. Warum Percy mit diesem Glauben lebt, ist einer der vielen Erzählstränge, die sich nach und nach entfalten.

Vielleicht ist es besser, es dabei bewenden zu lassen, wenn man die Handlung, ohne sich unnötig zu verstricken, nacherzählen möchte. Zu komplex, dicht und tollkühn ist dieser Roman konstruiert. Man käme als Leser ohne Frage niemals auf die Idee, dieses Buch einem mittlerweile 84-Jährigen Autor zuzuordnen, wenn auf dem Umschlag nicht Martin Walsers Name prangen würde, so im besten Sinne turbulent und auch durchaus lebendig geht es in diesem Roman zu. Nichtsdestotrotz ist doch ein bisschen zu viel los auf diesen 500 großzügig bedruckten Seiten. Könnte man in der Mitte als Leser nicht ein wenig bei einem als Buch-im-Buch angelegten dritten Kapitel namens „Mein Jenseits“ verschnaufen, würde einem bei soviel Gewimmel an Ereignissen und Personen schnell der Kopf rauchen. Abseits der bloßen Effekthascherei, die ein solches Buch-im-Buch als ästhetisches Verfahren immer wieder impliziert (nicht umsonst erschien Mein Jenseits bereits 2010 als von der Berlin University Press verlegte Novelle), ist dieses Kapitel fraglos klug und an der richtigen Stelle eingesetzt. Andere würden diesem Roman sicherlich einen überbordenden Ideenreichtum unterstellen. Letztendlich ist es einfach zuviel des Guten.

Natürlich gibt es auch in diesem Roman wieder die typischen, schönen Walser-Sentenzen, die man sich sofort ins Zitatbuch schreiben möchte. Aber was nutzen einem Sätze wie: „Musik ist, in dem Moment, in dem sie gemacht wird, die Heiligkeit des Augenblicks“, wenn sie bloß wie in den Text eingestreute Rosinen wirken, die den Leser bei der Stange halten sollen. Zu verquatscht sind Handlung und Dialoge an vielen Stellen, als dass man allem und jedem über die gesamte Dauer des Romans größtmögliche Aufmerksamkeit schenken könnte. So ist das ausschlaggebende literarische Qualitätsmerkmal (abseits der Sprache) für diesen Roman die psychologische Präzision, wenn Walser von Percys Mutter Josefine erzählt. Hier kann der Autor seine Stärken voll ausleben und eine große Liebesgeschichte erzählen, in der vieles anders läuft, als ursprünglich von den Protagonisten gedacht. Josefines Geschichte ist, auch wenn sehr viel Romanpersonal im Lauf der Handlung sterben muss, die dramatischste, spannendste und interessanteste in diesem Roman.

Dieses Alterswerk, das trotz der latent sexuellen Thematik überraschend prüde daherkommt, ist eine äußerst zwiespältige Angelegenheit und in seiner Gesamtheit nicht gerade einfach zu beurteilen. Wenn Walser das so will, dann sei es ihm gegönnt. Es gibt niemanden mehr, dem er etwas beweisen müsste. Aber eine klare Aussage lässt sich dem gesamten Text auch nicht wirklich entnehmen. Man könnte ihn als Solidaritätsbekundung verstehen. Muttersohn ist, so pathetisch das auch klingen mag, eine Verbeugung vor der Frau als Muttertier.

Martin Walser: Muttersohn

Rowohlt

Hamburg 2011

512 S. – 24,95 €


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