Fabian Stiepert | Drucken26.01.2015 

Je ne suis pas François

Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ ist wegen seiner Thematisierung des Islams in aller Munde. Dabei geht es darin in erster Linie ums männliche Ego

Michel Houellebecq (Foto: ActuaLitté / flickr / CC BY-SA 2.0)

Wir leben in politisch bewegten Zeiten. Während es keinem deutschen Romancier bis heute gelungen ist, den Wahnsinn des NSU-Terrors literarisch aufzuarbeiten, hatte Frankreich nach seinen jüngst erlittenen religiös-fanatisch motivierten Anschläge sofort einen Roman zur Hand, der offenbar etwas zu den Geschehnissen und seinen daraus resultierenden Debatten beizutragen hat. Dass dieses Buch ausgerechnet vom sonst eher zurückgezogenen und wortkargen Michel Houellebecq stammt, ist wohl einer der wenigen komischen Aspekte im Rahmen der Anschläge auf die Redaktion von Charlie Hebdo und einen koscheren Supermarkt mitten in Paris.

Unterwerfung heißt Houellebecqs Roman, von dem hier die Rede ist, und er gehört – dies sei gleich gesagt – zum eher schwächeren Teil seiner Bibliographie. Das liegt nicht zwingend daran, dass die Erwartungen so hoch lägen, dass man sich von der Lektüre dieses Romans konkrete Antworten auf die dramatischen Ereignisse der letzten Wochen erwarten dürfte. Wer Houellebecq ein bisschen kennt, der weiß, dass dieser Autor eher den Ist-Zustand beschreibt, als wirklich Entwicklungen nachzuerzählen. Houellebecq ist und bleibt ein Ideen-Autor und das ist auch in Unterwerfung nicht anders als in Plattform oder Die Möglichkeit einer Insel. Wo die provokanten Ausgangsthesen der beiden genannten Vorgängerromane noch auf ästhetischer Ebene Früchte tragen konnten, gerät das gedankliche Konstrukt eines vom Laizismus befreiten, islamisierten Frankreichs in Unterwerfung aus den Fugen.

Das liegt in erster Linie daran, dass der Ich-Erzähler François, ein deprimierter Professor der Literaturwissenschaft, arg charakterlos daher kommt. Einzig seine Leidenschaft für den Autor Joris-Karl Huysmans scheint ihn am Leben zu erhalten. Die in Zyklen ablaufenden Beziehungen zu seinen jüngeren Studentinnen, fades Mikrowellenessen (komisch, immer wenn François bei seinen Kollegen speist, schwärmt er von den Feinschmecker-Köstlichkeiten, die dort serviert werden; ist das nicht arg unlogisch, dass er dann privat so einen Müll in sich hineinstopft?) und eine zerrüttete Familie machen den finanziell gut gestellten Professor konsequent unglücklich.

Selbst als im Jahr 2022, in dem der Roman spielt, die gemäßigte Brüderschaft der Muslime in Frankreich an die Macht kommt, scheint ihm das kaum große Sorgen zu bereiten. Auch der darauf gründende Wegzug seiner jüdischen Geliebten Myriam erzeugt bei ihm keine emotionale Reaktion außer Selbstmitleid. Immerhin weiß er, dass sie in Israel jemand neuen kennenlernen wird. Doch die Gespräche mit seinem Kollegen Rediger (man beachte den sprechenden Namen) lassen François am Ende zu ganz neuen Schlüssen kommen, was die neue Regierung in Frankreich anbelangt. Sogar eine Konversion scheint nicht mehr ausgeschlossen.

Schon eine grobe Zusammenfassung der Romanhandlung, bei der man auf die arg dröge geratenen Kurzurlaube in der französischen Provinz verzichten kann, deutet darauf hin, dass Houellebecq in erster Linie mal wieder einen Roman über das männliche Ego verfasst hat. Während François sich ein Leben lang für seinen Lieblingsautor Huysmans begeistern kann, ist ihm eine dauerhafte Beziehung zu einer Frau offenbar zu kompliziert. Wer Houellebecq als Frauenfeind abkanzeln möchte, liegt also zumindest im Fall von diesem Roman ziemlich daneben. Einen widerlicheren Opportunismus als den, zu dem François sich auf den letzten Seiten des Romans herablässt, hat man lange nicht mehr gelesen. Alles, was davor passiert, wirkt dagegen eher wie liebloses Füllmaterial. Vielleicht ist das der Grund, wieso das Buch über weite Strecken entsetzlich langweilig ist.

Michel Houellebecq: Unterwerfung

Aus dem Französischen von Norma Cassau, Bernd Wilczek

Dumont

Köln 2015

280 S. – 22,90 Euro


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