Fabian Stiepert | Drucken23.11.2013 

Totentanz, ganz ohne Grusel

Monika Marons neuer „Roman“ „Zwischenspiel“ erzählt von falschen Entscheidungen und ihren Folgen

Ruft man sich den vermeintlichen Zwang zur Epik ins Gedächtnis, unter dem die narrative Kunst der Gegenwart zu stehen scheint, so ragt Monika Marons neuer Roman heraus. Er spielt an einem einzigen Tag und verfügt trotzdem über die notwendige Prise Komplexität, die ein gutes Buch ausmacht. In Zwischenspiel begleiten wir Ruth, einer Frau von vermutlich Ende 60 bis Anfang 70 (also genau in dem Alter der Autorin), von der ersten Zigarette des frühen Morgens bis in den späten Abend eines Tages, wie man ihn kaum für möglich halten möchte. Denn eigentlich soll Ruth zur Beerdigung von Olga, die einst ihre Schwiegermutter war. Doch Ruth meidet den Friedhof, da sie nicht auf ihren Ex-Mann treffen möchte, denn der hat einst von Beginn an die gemeinsame Beziehung belastet und später die gemeinsame Tochter in Geschehnisse involviert, die den kindlichen Geruchssinn für Ungebührliches nicht erreichen.

Also verbringt Ruth den Tag lieber in einem Park. Nachdem schon in den frühen Morgenstunden ihre Augen immer wieder schmerzten und nur ein verschwommenes Bild der Welt um sie herum lieferten, gleicht ihr Blick auf die Flora und Fauna des Berliner Naherholungsgebiets immer mehr einem impressionistischen Gemälde. Die Toten, die sie einst kannte, erscheinen ganz plastisch vor ihren Augen. Ruth sieht sich mit ihrer Vergangenheit unmittelbar konfrontiert. Was die Erinnerung dann freilegt, macht endlich das in seiner ganzen Brisanz sichtbar, was vorher nur mit größtmöglicher Subtilität in die Waagschale geworfen wurde.

Wer die Autorin kennt, dem wird auffallen, dass auch in Zwischenspiel erzähltechnisch sehr ähnlich wie in Marons Meisterwerk Animal triste gearbeitet wird. Doch während in Marons mit Abstand bestem Buch die pure Lakonie regiert, gibt es in diesem neuesten Roman immer wieder humoresk-absurde Situationen. Ob die nun immer gelungen sind, darüber lässt sich trefflich streiten. Wenn zum Beispiel Margot und Erich Honecker vor den dysfunktionalen Augen der Heldin ihren Schabernack treiben, kann man das ganz ulkig finden, sofern es einem Genugtuung verschafft, dass die noch lebende Honecker-Witwe ihren Erich nach knapp zwanzig Jahren Witwendasein auch nicht los wird. Da Heldin Ruth in ihrer Vergangenheit aber nie persönlich etwas mit den Honeckers zu tun hatte (im Gegensatz zu ihren anderen Geistererscheinungen), ist das einfach nicht so recht stimmig.

Zwischenspiel hat da seine starken Momente, wenn der Roman die Finger in die Wunden legt, die die Vergangenheit einst gebracht haben. Die Ich-Erzählerin Ruth schont dabei weder sich selbst noch die anderen Beteiligten und findet keine Antworten auf die ewigen Schuldfragen. In anderen Worten (und darauf will der Roman auch eindeutig hinaus): In manchen wichtigen Situationen gibt es keine richtige Entscheidung, sondern nur die Wahl zwischen mehreren falschen Möglichkeiten. Um das nun konkret auf dieses Buch anzuwenden: Wer zu Monika Marons Zwischenspiel in diesem Bücherherbst greift, entscheidet bestimmt nicht falsch. Dass es aber nicht etwas Besseres gäbe, das hat keiner behauptet.

Monika Maron: Zwischenspiel

S. Fischer

Frankfurt/Main 2013

192 S. – 18,95 €


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