Fabian Stiepert | Drucken01.04.2015 

Jeder Soldat sollte einen Vogel haben

Afghanistan und Eifel, Vogelgesang und Waffenlärm: Norbert Scheuers „Die Sprache der Vögel“ lebt von den Gegensätzen

Norbert Scheuer verfügt über eine Perspektive zu den Dingen, über die er schreibt, wie sie fast ausgestorben zu sein scheint. Fast alle seine Romane spielen in den Landschaften der Eifel, aber Scheuer greift auf diesen Spielort nicht von einer Berliner Elfenbeinturm- Altbauwohnung aus zurück. Norbert Scheuer lebt immer noch genau dort, wo sich das Geschehen seiner ganz unprätentiös heimatverbundenen Romane abspielt.

Scheuers neuester Roman Die Sprache der Vögel spielt zwar auch in der Eifel, aber dies nur eher am Rande. Held der Geschichte ist Paul Arimond, ein in Afghanistan als Sanitäter stationierter Soldat. Doch Paul traumatisieren nicht nur die Greuel des Krieges in Afghanistan. Auch ein von ihm in der Eifeler Heimat mitverursachter Autounfall belastet sein Gewissen, also sucht er Ablenkung und Zuflucht in der Beobachtung von Vögeln, derer es in Afghanistan eine riesige Vielfalt an Arten gibt. Diese Gegenüberstellung von Naturschönheit und Naturzerstörung macht einen Großteil des Reizes aus, den Scheuers gelungen collagierter Roman versprüht.

Denn Die Sprache der Vögel besteht aus mehreren Textsorten, die das Gesamtbild der Handlung erst vervollständigen. So liest man die Tagebucheintragungen des Paul Arismond mit dazwischengeschalteten erzählerischen Texten zu den zugrunde liegenden Geschehnissen in der Heimat. Zum tableauartigen Charakter des Romans gehören weiterhin Illustrationen der in Afghanistan beheimateten Vogelarten (wunderschön, dafür ein großes Lob an Norbert Scheuers Sohn Erasmus, der die Aquarelle gestaltet hat) und ein paar Niederschriften von Ambrosius Arimond, einem (offenbar) fiktiven Vorfahren von Soldat Paul, der sich für die Ornithologie genauso begeistern konnte.

Dieser Roman versprüht in seiner gelungenen Konstruktion einen ganz eigenen Charme, dem man mit den Mitteln der Analyse und Kritik kaum auf den Grund gehen kann. Vielleicht liegt es an Scheuers Vorliebe für heimatliche Stoffe, schließlich erklärt er im Nachwort, dass er das Vorbild für seinen Soldaten einst persönlich in einem Café getroffen hat. Somit liefert Die Sprache der Vögel einen weiteren Beweis dafür, dass das Leben selbst die besten Geschichten liefert. Oft genügt es also als Autor, die Welt rund um diese Geschichten in gebührender Form zu erklären und darzulegen. Norbert Scheuer beherrscht diesen Kunstgriff und hat damit einen sprachlich schnörkellosen und inhaltlich zugleich anrührenden Roman vorgelegt.

Norbert Scheuer: Die Sprache der Vögel

illustriert von Erasmus Scheuer

C.H. Beck

München 2015

240 Seiten – 19,95 Euro


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