Tobias Prüwer | Drucken19.06.2013 

Rezepte für die Krisenintervention

Der Sammelband „Occupy Anarchy!“ fragt, wie viel libertärer Schwung in der Occupy-Bewegung steckt

Die Manchesterfreiheit, die „Freiheit“ der Bourgeoisie ist ein seltsames Ding. Handel und Wandel, das private Leben und das Verkehrsleben, sollen frei sein, d. h. unbehindert von staatlichen Einschränkungen; der Staat ... hat ... für „Ruhe und Ordnung“ zu sorgen, aber sonst für nichts...
Gustav Landauer: Manchesterfreiheit – Staatshilfe – Anarchie. Politische Unfreiheit – politische Mitarbeit – Negation des Staates


Den Blockupy-Protesten wurde letztens in Frankfurt am Main nicht nur das Demonstrationsrecht genommen, sondern sie wurden regelrecht zusammengeknüppelt. In der Türkei lässt Erdogan mit – nicht ganz falschem – Verweis auf die Praxis in vielen EU-Ländern blutdürstig gegen Demonstranten vorgehen, die eine Kritik an seinem Autokratismus formulieren. Die Proteste scheinen einen Nerv getroffen zu haben, auch wenn gerade Occupy en detail ziellos und schwammig ist, sich damit sogar brüstet und so mitunter Verschwörungsfans und Eso-Freaks anzieht. Dass die Proteste Menschen unterschiedlicher Hintergründe und Herkünfte zur freien Assoziation in Parks und auf Plätzen zusammenbringen, muss man immerhin anerkennen.

Wie viel Anarchismus steckt in Occupy? Und was könnte man voneinander lernen, fragt der Band Occupy Anarchy!. Auf den ersten Blick ist es die basisdemokratische Komponente, die Krisenprotestbewegung und die auf dem Individuum fußende politische Idee miteinander verbindet. Hinzu kommt die teilweise – bei Occupy – geübte Kritik an staatlichen/politischen Institutionen. Beim immer wieder aufschillernden Reformismus hören die Berührungspunkte dann aber auch schon auf. Die Texte im Band, sie entstammen der Auseinandersetzung in den USA und sind erstmals auf Deutsch erschienen, sind ohnehin nicht nur von theoretischem Interesse. Die Umsetzung von Idee und Rezepten in die Praxis liegt ihnen allen zugrunde.

Ein schönes Detail besteht darin, dass sich die HerausgeberInnen der Infogruppe Bankrott auch an der wohlfeilen Kritik des Poststrukturalismus abarbeiten: „Ein pragmatischer Materialismus, der sich allerdings weniger an ‚Jobs‘ denn an materiellen Bedürfnissen orientieren sollte und eine Kritik der durchdringenden Selbstregierung [...] schließen sich keineswegs aus.“ Herausgekommen ist ein informatives Sammelbändchen, dessen Thesen sich fernhalten vom Abfeiern oder Selbst-Hochjazzen. Vielmehr geht es um das nachhaltige Suchen nach Verknüpfungen, der Möglichkeit dauerhafter Widerständigkeit und Wegen aus der Krise, die jenseits des kapitalistischen Motors und jenseits von Reform und New Deal (ja, es gibt einen Text zum Neuen Deal) führen.

Als Körper leiden und widerstehen wir und stehen an verschiedenen Orten als Beispiel für jenes stützende soziale Band, das die neoliberale Ökonomie benahe zerstört hat.
Judith Butler: Für und gegen Prekarität

Infogruppe Bankrott (Hg.):
Occupy Anarchy! Libertäre Interventionen in eine neue Bewegung

Edition Assemblage

Münster 2012

152 Seiten – 9,80 Euro

www.edition-assemblage.de


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