Fabian Stiepert | Drucken26.01.2015 

Chronik der theatralen Ereignisse

In „Nebeneingang oder Haupteingang?“ unterhält sich Peter Handke über sein dramatisches Werk mit Thomas Oberender. Ein wunderbares Buch, erschienen zur falschen Zeit

Es ist ein unschöner Zufall, dass sich das Erscheinen des vorliegenden Gesprächsbandes von Peter Handke und Thomas Oberender (seines Zeichens Intendant der Berliner Festspiele) zeitlich mit der Vergabe des hoch dotierten Ibsen-Preises an Handke überschneidet. Peter Handkes fraglos nur schwer nachzuvollziehende Position zur Persona Slobodan Milošević sorgte bei den Norwegern für massiven Unmut. Unter Buhrufen und Protest ging die Preisverleihung an Handke vonstatten. Der sonst öffentlich eher schweigsame norwegische Star-Autor Karl Ove Knausgard verfasste sogar einen längeren Artikel, um die Jury und ihre Entscheidung in Schutz zu nehmen. Wie Knausgard folgerichtig feststellt, hat Handke niemals Gewalt oder Völkermord verherrlicht, relativiert oder gar gerechtfertigt. Viel mehr ist seine, Handkes, Perspektive darauf, wer bei diesem Verbrechen Opfer und Täter war, eine durcheinandergeratene, verrückte, die im Rahmen der freien Meinungsäußerung zu akzeptieren ist.

Ganz abseits dieses medialen Trubels ist in der sich mit zeitgenössischem Theater auseinandersetzenden Reihe „suhrkamp spectaculum“ der Band Nebeneingang oder Haupteingang? erschienen. Ob auf einer Terrasse in Berlin-Nikolassee oder im Garten von Handkes Haus in der Nähe von Paris: die Gespräche zwischen Handke und Oberender zeichnen sich durch konsequente Ruhe und Gelassenheit aus. Nur grob scheint sich Oberender einen thematischen Ablauf der insgesamt vier Gespräche vorskizziert zu haben. So wird naturgemäß bei Handkes frühen Sprechstücken wie der legendären Publikumsbeschimpfung angefangen und man arbeitet sich vor bis zu autobiographischen Dramen wie Immer noch Sturm.

Für Handke-Anfänger ist dieser Band sicherlich gänzlich ungeeignet und für den Einstieg in eins der wichtigsten und umfangreichsten Werke der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur kaum hilfreich. Wer aber Handke abseits seiner Versuche, Journale, Romane und Erzählungen als hochinteressanten wie vielseitigen Dramatiker zu schätzen weiß, der wird dankbar sein für dieses Buch voll von Hintergrundinformationen zu fast fünf Jahrzehnten, in denen Handke immer wieder bewiesen hat, was auf einer Bühne möglich ist.

Peter Handke/Thomas Oberender: Nebeneingang oder Haupteingang? Gespräche über 50 Jahre Schreiben fürs Theater

Suhrkamp Spectaculum

Berlin 2014

200 Seiten – 20 Euro

Materialsammlung zur Kontroverse rund um den Ibsen-Preis auf der Suhrkamp-Homepage

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