Fabian Stiepert | Drucken29.03.2012 

Irgendwo unter Bäumen, irgendwann

Peter Handkes neues Drama „Die schönen Tage von Aranjuez“ ist so schlicht wie zeitlos

Ein Mann und eine Frau sitzen sich an einem Gartentisch gegenüber und unterhalten sich. Das Gespräch wird durch das Rauschen des Windes unterbrochen, rhythmisiert und neu gestaltet. Dies ist schon die gesamte Handlung von Peter Handkes mittlerweile neunzehntem Drama. Wie im bereits 2010 erschienenen Stück Immer noch Sturm, spielt auch in Die schönen Tage von Aranjuez ein Baum eine zentrale Rolle. Trotz dieser Parallele kommt der neuere dieser beiden Texte um einiges leichter daher als sein Vorgänger, in dem der Baum als Treffpunkt einer slowenischen Familie diente, um dort ihre schicksalsbehaftete Familiengeschichte zu entfalten.

Nach nur kurzem Geplänkel („Wer macht den Anfang?“) ist man nämlich sofort mitten im „Sommerdialog“, in dem es die ganze Zeit um Liebe geht, sofern die Natur nicht gerade ihren Einfluss auf das Gespräch nimmt. Der Mann fragt direkt und unverblümt nach der ersten Liebesnacht der Frau. Die Frau antwortet nur zögerlich und hält den Mann mit kleinen Details bei Laune, mag aber nicht direkt alles erzählen. Am Anfang kann sie das Ausgefragtwerden gar nicht leiden. Erst nach und nach erkennt sie, dass der Mann fragen muss, damit das Gespräch in Gang kommt und bleibt.

In der reinen Lektüre wirkt das Gespräch der beiden sehr gekünstelt und die Erotik, die für den Leser immer wieder kurz spürbar ist, kann wohl nur auf der Bühne wirklich greifbar gemacht werden. Handkes Text ist dabei eine subtile Herausforderung für die Schauspieler, da die Akteure fast die ganze Zeit nur sitzen. Bloß knapp vor Schluss steht der Mann kurz auf, bricht die Vereinbarung des reinen Dialogs und geht ein paar Runden im Kreis.

Luc Bondy inszeniert die Uraufführung des Stücks im Wiener Burgtheater. Man darf gespannt sein, ob Bondy die Stärken von Handkes Vorlage zu nutzen weiß. Wenn die beiden Schauspieler sich mit voller Leidenschaft dem Text hingeben und den Dialog in seiner ganzen Bandbreite von Schiller-Zitat bis hin zu unerwarteten Vulgarismen überzeugend präsentieren können, dann wird das ein großer Theaterabend. Wenn nicht, so wird dieses Stück, das in gedruckter Form meist wie altbackenes Sprechtheater wirkt, schnell wieder in der Versenkung verschwinden.

Peter Handke: Die schönen Tage von Aranjuez: Ein Sommerdialog

Suhrkamp Verlag

Berlin 2012

70 S. – 12,99 Euro


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