Alessa Paluch | Drucken02.02.2008 

Mach mir den Meese!

Der Sammelband "Elend" präsentiert Pop als Lebensentwurf

Dieses Buch ist zwar nicht ganz druckfrisch, weil bereits 2006 veröffentlicht, es ist dennoch unbedingt zu empfehlen. Elend ist sowohl ein Kunstbuch, in dem Arbeiten von Jonathan Meese, Daniel Richter, Martin Kippenberger und vielen mehr - meist doppelseitig - abgebildet sind, als auch ein mit kulturtheoretischen Texten, Essays und Interviews ausgestattetes Lesebuch. Diese Kombination aus Bild und Text, die wenig mit der kunstbandtypischen Zweisamkeit von Werkabbildung und erklärendem Beiwort á la Ausstellungskatalog zu tun hat, macht Elend äußerst interessant.

Das handliche Buch scheint dafür gemacht zu sein, in Taschen mitgeführt und in der Bahn, dem Bus oder der Bar gelesen zu werden. Damit ist dieses Buch ein Stück Popkultur, auch wenn manche der AutorInnen dies abstreiten. So zum Beispiel Marcus Maida in seinem Aufsatz Alles muss raus! Was gibt's da zu glotzen, Silberlocke?. Allein die Lektüre dieses Textes lohnt schon das Aufschlagen! Maida traut sich in die nebeligen Gefilde des Begriffs Pop in all seinen Konnotationen und ruft auf zur Bildung neuer Begrifflichkeiten. Dabei stellt er gewagte Thesen vor, wie die, dass Pop die bürgerliche Kunst von heute sei und die Subkulturindustrie schlimmer als die Mainstreamkultur, da sie vor allem mit Emotionen, Leidenschaft und Werten handle. Sehr aufschlussreich ist auch Maidas Einführung des Begriffs PopPop. PopPop sei demnach all das und für all die, für die Pop nichts Nebensächliches ist (man denke an den dudelnden Mainstreampop aus dem Radio), sondern Lebensentwurf. Und dieser Lebensentwurf müsse, wie alle totalitär veranlagten Lebensentwürfe, kritisch hinterfragt, reflektiert und analysiert werden. Elend gelingt das, vor allem in den theoretischen Essays, eindrucksvoll unterhaltend.

Martin Burckhardts Der Ernstfall zum Spaß. Zum Totalitätsanspruch der Popkultur ist einer der Texte, die nicht nur Pop als Kunstphänomen, sondern auch deren Rückwirken auf gesellschaftliche Strukturen reflektieren. Burckhardt tritt vehement dafür ein, Pop ernst zu nehmen und die Dominanz der Popkultur als den Ernst- und Krisenfall der repräsentativen Demokratie zu begreifen. Natürlich ist diese Aussage streitbar. Doch wegen genau solcher Behauptungen beansprucht der gesamte Elend-Band zu recht einen Platz im zeitgenössischen Pop(kultur)-Diskurs!

Ebenso diskurswürdig ist auch Mercedes Bunz' Grenzgänge statt Import/Export. Zu Mode, Kunst, Arbeit und einem neuen Typus der Macht". In diesem Beitrag beschreibt Bunz die Aufweichung der Grenzen zwischen Kunst und Mode als Beispiel für die teils fragwürdige Vermischung der einzelnen Gattungen von Pop; Musik, Kunst und Mode.

Überhaupt ist eine der Stärken des gesamten Bandes dessen Offenheit in der Darstellung von dem, was Pop alles sein kann. Zwar kommt man auch hier nicht an den im Kontext von Pop und Kunst immer genannten Vertretern des Genres wie Martin Kippenberger, Jonathan Meese oder Miss Kittin vorbei. Aber zumindest wird bei diesen nicht halt gemacht. So findet sich unter den unzähligen Beiträgen ein Monolog von Juli Zeh, eine Gesprächsrunde über rechten HipHop mit Bushido, eine kindgerechte Anleitung zum Koksen von Chris Johanson und eine Reportage über Japans Tokyo Pop mit seinen Spielarten Kawaii und Girls' Photography.

Bis auf die Interviews, zum Beispiel mit besagter Miss Kittin oder Peaches, die inhaltlich ziemlich flach geraten sind, kommt trotz dieser Fülle an Text- und Bildmaterialien nie ein Gefühl von Willkürlichkeit auf. Im Gegenteil: Durch Elend zieht sich durchgehend mehr oder weniger vordergründig die Frage nach dem Authentischen und dem Politischen des wie auch immer gearteten Pop. Die Bandbreite der Herangehensweisen an diese Frage macht dieses Buch zu so etwas wie einem Kompendium, das jeder lesen sollte, der an sich Symptome des PopPop feststellt. Ein eindeutiges Symptom ist dabei eine gewisse Abwehrhaltung, die sich beim Lesen solcher Stellen, an denen die Kritik besonders analytisch gelungen ist, einstellt. Selbsterkenntnis ist ein gutes Gefühl. Selbstreflexion auch. Aber keine Angst, Elend eignet sich auch einfach zum Durchblättern.

Frauke Boggasch und Dominik Sittig (Hg.): Elend. Zur Frage der Relevanz von Pop in Kunst, Leben und öffentlichen Badeanstalten
Verlag für moderne Kunst
Nürnberg 2006
368 S. - 132 Abb. - 28 €
www.vfmk.de

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