Kathrin Rahmann | Drucken02.07.2017 

„Das Leben hat immer Vorfahrt“

Die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017, Bereich Belletristik

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Die Shortlist des diesjährigen Preises der Leipziger Buchmesse ist ein Werk der Gerechtigkeit. Würde in der Literatur Quotenpolitik betrieben, hier wäre sie erfüllt. Neben zwei Autoren finden sich drei Autorinnen. Zwei aus Deutschland stammende und in Deutschland lebende Autoren (ein Autor, eine Autorin) werden ergänzt durch einen Schweizer, eine im Ausland lebende Deutsche und eine deutsche Autorin ukrainischer Abstammung. Die Geburtsjahrgänge reichen von den 1940er Jahren bis fast in die 1980er Jahre. Aber nicht nur die Rahmendaten, sondern auch die Texte selbst sind durchaus repräsentativ für Stilrichtungen der Gegenwartsliteratur und ließen sich als kleines Kompendium der Gegenwartsliteratur an angehende Studenten verteilen. Der Preis aber ging am Ende an den Text mit der stärksten emotionalen Strahlkraft, einen Text, der ohne literarische Spielereien auskommt, den einzigen ohne metaliterarische Selbstbespiegelung und den mit der größten Welthaltigkeit: Natascha Wodins Sie kam aus Mariupol.

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Nach welchen Kriterien auch immer Literaturpreise verliehen werden, eine Zaubershow literarischer Kunstgriffe gehört wohl nicht zu den mächtigsten Werten. Vier der fünf diesjährigen Belletristik-Kandidaten hatten Texte zu bieten, deren Kunstcharakter unbestreitbar ist. Brigitte Kronauer, die älteste der Nominierten, vielfach preisgekrönt, deren literarisches Können unbestreitbar ist, präsentiert in Der Scheik von Aachen die Geschichte der Schwärmerin Anita Jannemann, die für die vermeintlich große Liebe nach Aachen zurückkehrt. Im Erzählen spendet sie ihrer Tante Emmi Trost und findet schließlich selber Trost, als ihre eigene Beziehung ein jähes Ende findet. Kronauers Figuren sind wie für das Theater entworfen. Ein Erzähler, der ins Publikum ruft; eine Hauptfigur, von der es auf Seite zwei heißt, „sie liebt ja von Kindesbeinen an das Dramatische, sofern sie es, kein Wunder, in eigener Regie bewerkstelligen darf“; eine Tante, die von ihrer Haushälterin walzertanzend durchs Wohnzimmer getragen wird und ein kunstversessener Antiquitätenhändler. Kronauer lässt die Dramatik des Lebens und die Dramatik der Literatur durcheinanderpurzeln, spart nicht an kenntnisreichen literarischen Anspielungen und lotet so ganz nebenbei die Frage aus, wo das Leben anfängt und die Literatur aufhört.

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Ein Meisterwerk postmoderner Selbstreflexivität haben die Juroren mit Anne Webers Kirio nominiert. Weber erzählt die Geschichte eines modernen Heiligen, Kirio, der immerzu Gutes tut, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein. Die Heiligenlegende trifft dabei auf die Frage nach dem Erzähler. „Who’s who“ ist das erste Kapitel betitelt, und die Stimme, die spricht, muss zugeben, dass sie es selber nicht weiß. Mit gewollt witzigen Seitenkommentaren und Einschüben in englischer Sprache plaudert dieser Erzähler entweder über seinen Status („Huhu! Anyone in there?“) oder erzählt Anekdötchen („Wie das weibliche Geschlecht Kirio entdeckte“) aus Kirios Leben. Gregor Dotzauer nannte Webers Roman bei der Vorstellung der Nominierten am 22. März auf der Buchmesse eine „poetologische Grundlagenforschung“. Von den vier nominierten Prosatiteln ist Kirio mit Sicherheit der verspielteste. Neu ist die Frage nach demjenigen, der die Geschichte erzählt, allenfalls in Kombination mit der Form der Heiligenlegende.

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Als Dompteur literarischer Stile beweist sich Lukas Bärfuss in seinem Roman Hagard. Über Webers Kirio kann man gelegentlich lächeln, über Bärfuss’ Helden Philip muss man schallend lachen. Bärfuss kostet die Vielfalt literarischer Stillagen aus, vom pathetischen Besingen der Sonne beim Anblick einer vergötterten Frau bis zum satirischen Niedermachen eines Fahrkartenkontrolleurs reicht das Spektrum. Dabei beginnt auch Hagard mit den forschenden Sätzen eines Mittelklasseerzählers: „Seit viel zu langer Zeit versuche ich, Philips Geschichte zu verstehen. (…) Ich weiß alles, und ich begreife nichts“. Wer hätte gedacht, dass dieser biedere Forscher zu einem Gesang auf die Sonne fähig ist – „Mit den Chören des Morgens schreitet sie und verscheucht jeden Schatten aus ihrer Gegenwart“ – und nur wenig später zu einer derart verunglimpfenden Charakterisierung, dass man vor Vergnügen und Schrecken zugleich lachen muss: „Aus einem Ozean aus Gesichtsspeck ragt ein feines Riechbälkchen wie der Mast eines verlorenen Wracks in einer Talglagune“. Das sitzt. Bärfuss’ Held, seinerseits ein Mann der Mitte, schert versehentlich aus seinem Leben aus, als er an zwei Frauenfüßen pflaumenfarbene Ballerinas entdeckt. Zunächst aus einer Laune heraus folgt er ihr und verpasst den Absprung. Als die Ladung seines Handys versiegt, bleibt er in einer Parallelwelt zurück, in der er nicht mehr erreichbar ist. Bärfuss glänzt nicht durch die Tragweite seines Stoffes, sondern durch die Beherrschung sprachlicher Möglichkeiten und die Unterhaltsamkeit seiner Erzählung. „Das Leben hat immer Vorfahrt“, bilanzierte der Autor bei der Vorstellung der Nominierten am 22. März. Sein Held Philip, ein domestiziertes Raubtier, gerät geradezu versehentlich in einen Strudel aus Leben.

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Der diesjährige Quotenlyriker der Jury heißt Steffen Popp. Das dünnste Buch auf der Shortlist erwies sich als das zeitaufwändigste. Mit 118 bietet Steffen Popp ein Periodensystem der Elemente seines Lebens und gleichzeitig ein Paradebeispiel hermetischer, zeitgenössischer Lyrik. 118 ist ein Lyrikband zum Stöbern, ein Sprachflohmarkt mit kleinen Kostbarkeiten, wahren Fundstücken und viel Trödel. Das, was heute Trödel ist, ist bei der nächsten Lektüre vielleicht schon eine Kostbarkeit. Zunächst wirken die Gedichte uniform: je zehn Zeilen von ungefähr gleicher Länge, darunter der „Titel“, das Element, dem das Gedicht gewidmet ist. Manche Gedichte kommen „kommentiert“ mit Randnotizen und Zitaten daher. Diese auf den ersten Blick eintönige Form löst sich bei genauerem Hinsehen auf. Von Stakkato-Ton über Sprachspiel, Stilschlachten und durchrhythmisierte Klangkunstwerke halten die Gedichte so einiges bereit. Die Frage, die man sich tatsächlich stellen muss, ist die nach der Breitenwirkung. Die Leserschaft, die die Geduld und die Neugier aufbringt, sich Popps Gedichten immer wieder anzunähern und nach den Schätzen darin zu suchen, dürfte gering sein. Die Gedichte bleiben auch bei mehrmaliger Lektüre sperrig, rhythmisch oft uneinladend und verschlossen. Um es in den Worten Meike Feßmanns beim Bachmann-Wettbewerb 2009 zu sagen: Der Leser wird genötigt, wie ein Trüffelschwein jedem Wort hinterherzuschnüffeln. Nicht jeder ist gern ein Trüffelschwein.

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Auf der anderen Seite des Spektrums steht Natascha Wodins Roman Sie kam aus Mariupol, der von der ersten Seite an die Karten offen auf den Tisch legt und gerade deswegen so fesselnd ist, weil die Ich-Erzählerin in ihrer Suche keinen Schritt weiter zu sein scheint als der Leser. Fast siebzigjährig macht sich Natascha Wodin auf die Suche nach ihren familiären Wurzeln. Wodin wurde im Dezember 1945 als Tochter ukrainischer Zwangsarbeiter geboren. Vermutlich aus Angst davor, im Stalinismus als Vaterlandsverräter getötet oder geächtet zu werden, kehrten ihre Eltern nicht in die Ukraine zurück, sondern blieben in Deutschland. Die Familie wird zunächst in einem Schuppen auf einem Fabrikgelände geduldet, später lebt sie in einem Displaced-Persons-Lager, schließlich in einer Wohnanlage für Heimatlose in Bayern. Hier nimmt sich Wodins Mutter 1955 – heimatlos geworden – das Leben. Ihrer Tochter bleiben nach ihrem Tod nur eine Handvoll Fotos und, 60 Jahre nach dem Tod der Mutter, bruchstückhafte Erinnerungen daran, was die Mutter ihr über ihre Herkunft erzählt hat – Informationen, die durch die Zeit, durch Sehnsüchte und Erfahrungen möglicherweise verfremdet sind. Wodin beginnt ihre Recherche im Internet mit Anfragen im Geburtsort ihrer Mutter – Mariupol – und findet dort einen Hobby-Genealogen. Mit dessen Hilfe gelingt es ihr, nach und nach ein Bild von der Kindheit und Jugend ihrer Mutter zu entwickeln. Über die Geschichte der Mutter entfaltet sich gleichzeitig ein großes Stück europäischer Geschichte des 20. Jahrhunderts. In einem einzigen kurzen Menschenleben ballt sich alles zusammen, was man sich als Elend nur vorstellen kann. Wodins Roman ist gerade deswegen so anrührend, weil er ohne jede dramatische Darbietung auskommt. Wodin öffnet Räume für das Miterleben. Die Frage nach den Bedingungen der Literatur stellt Natascha Wodin als einzige der diesjährigen Kandidatinnen nicht. „Sie kam aus Mariupol“ glänzt nicht durch literarische Artistik, sondern durch das geschickte Arrangement von Informationen und überzeugt gerade deswegen.

Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol

Rowohlt

Berlin 2017

368 Seiten – 19,95 Euro

Anne Weber: Kirio

S. Fischer

Frankfurt am Main 2017

224 Seiten – 20,00 Euro

Lukas Bärfuss: Hagard

Wallstein

Göttingen: 2017

174 Seiten –19,90 Euro

Steffen Popp: 118. Gedichte

kookbooks

Berlin 2017

144 Seiten – 19, 90 Euro

Brigitte Kronauer: Der Scheik von Aachen

Klett-Cotta

Stuttgart 2016

399 Seiten – 22, 95 Euro


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