Fabian Stiepert | Drucken05.06.2012 

Tiere um uns

In Ralf Rothmanns neuem Erzählungsband „Shakespeares Hühner“ wimmelt es nur so vor Tieren. Ansonsten ist da aber nicht viel los

Erinnert sich noch jemand an das letzte Album der Hamburger Band Blumfeld? Auf den dreizehn Songs von Verbotene Früchte kamen in fast jedem Song Tiere vor. Es wurde mit Delphinen getanzt, Katzen streunten von gegenüber, Schmetterlinge flogen und Vögel sangen. Jochen Distelmeyers Texte handelten von der gemeinsamen Lebenswelt von Mensch und Tier, betonten zugleich aber auch deren Verschiedenheit. Tiere können ein so schönes Leitmotiv sein, solange man die Grenze zum Naturlyrikkitsch nicht übertritt und über die pure Beschaulichkeit von gefiederten und felligen Freunden hinaus kommt. Blumfeld haben damals alles richtig gemacht. In Ralf Rothmanns neuen Erzählungen, die unter dem etwas befremdlichen Titel Shakespeares Hühner erschienen sind, geht das aufgrund der omnipräsenten Einfallslosigkeit des Autors gründlich daneben.

Aber gehen wir doch mal ein wenig chronologisch die Texte durch. Schon die erste und kürzeste Erzählung Abschied von Montparnasse schildert das Ende eines Auslandsaufenthalts einer jungen Frau „mit fuchsrotem Haar“ (!), die im Café auf einen mysteriösen Mann mit einem „rehbraunen Hut“ trifft. Gleich zu Anfang bekommt man die ersten lauen Witzchen serviert. Ein ungeliebter Kellner wird Pierre Camembert genannt und bringt natürlich umgehend das falsche Getränk. Dass diese Pariser Episode dann so ein ausgesprochen kitschiges Ende findet („Ich kenne Sie aus einem Traum!“) vermag zu erstaunen, jedoch nicht im positiven Sinne.

Aber die Ärgernisse reißen nicht ab. In der zweiten Erzählung Othello für Anfänger versucht Ralf Rothmann die Gefühlswelt der „Jugend von heute“ – auch darüber sangen einst Blumfeld! – einzufangen. Als Erzählerin fungiert Fritzi, eine begeisterte Hobbyschauspielerin und Gitarristin „in einer Jungsband“, die gerne über den Geschmack von Sperma referiert, nachdem sie als Wetteinlösung dem Keyboarder ihrer „Jungsband“ (allein das Wort schon!) einen blasen musste. Wer wünscht sich nicht so ein umtriebiges junges Mädchen, das nach dem Abi nichts Besseres vorhat, als im Cabrio durch Frankreich zu gurken, als Tochter? Nicht nur, dass Fritzi sich mit unverwüstlicher Naivität artikuliert. Viel ärgerlicher ist, dass Rothmann denkt, die Schüler der gymnasialen Oberstufen hießen heute noch Kalle, Fritzi oder Dinah. Die Theatergruppe, die bald den titelgebenden Othello mit Fritzi in der Rolle der Desdemona aufführt, heißt allen Ernstes „Die Faxenmacher“. Das klingt alles stark nach den Achtzigerjahren, was ja an sich nicht verkehrt ist. Das Rothmann aber denkt, er müsse nur Youtube und Wikipedia als Stichworte der Gegenwart in den Text einbinden, beweist nur noch mehr, wie wenig er hier bei der Sache ist.

Was dann noch folgt, sind sechs weitere Texte. Es geht des Weiteren um Tiere (Trabersonate), das Arbeitermilieu im Ruhrgebiet der Sechzigerjahre, einen wortkargen Mitarbeiter einer Pathologie und die durchzechte Nacht zweier alter Kumpel. Ja, das liest sich alles weiterhin süffig und locker weg und auch die Tiere schleichen sich weiterhin durch den Text. Trotzdem ist das alles so unglaubwürdig, banal und oft auch unfassbar zusammengestückelt erzählt, dass man nicht auf einer einzigen Seite Spaß an diesem Erzählungsband hat. Kurzum: Das, was noch folgt, ist genauso wenig der Rede wert, wie die beiden ersten Erzählungen. Wer Rothmanns äußerst gelungenen letzten Roman Feuer brennt nicht gelesen hat, wird diese Erzählungen völlig ratlos und enttäuscht beiseite legen. Jedem guten Autor sei es erlaubt, auch mal ein misslungenes Buch zu veröffentlichen. Warum es gleich ein derartig auf nahezu allen Ebenen misslungenes sein muss, sei dahingestellt.

Ralf Rothmann: Shakespeares Hühner

Berlin 2012

Suhrkamp

212 S. – 19,95 €


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