Christoph Sramek | Drucken12.08.2015 

Von einem, der auszog, das Staunen zu lernen

Der Münchener Professor Rolf Heilmann legt mit seinem aktuellen Buch eine Entdeckungsreise auf dem Gebiet der Physik vor

Der Münchner Physikprofessor Rolf Heilmann mag sich oft darüber geärgert haben, dass „in deutschen Schulen (…) Physik das unbeliebteste Fach“ ist, wie er in seinem neuen Buch schreibt. Denn schon zu Beginn seines Studiums an der Leipziger Universität war er offensichtlich mit Begeisterung ausgezogen, gerade in diesem grundlegenden naturwissenschaftlichen Fach das Staunen zu lernen und daraus kreative Überlegungen für seine dortigen Forschungen über die Wechselwirkung von Licht mit Kristallen abzuleiten.

Auch später, als er im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt Lasersysteme für Satelliten zu entwickeln half, kam er aus dem Staunen über die alten und ganz neuen Wunder der Physik nicht heraus, um von dieser motivierenden Grundhaltung her zu weiterführenden Ideen und originellen Einfällen zu gelangen. Doch gerade in seinen Lehrveranstaltungen wird er danach gespürt haben, dass diese wichtige Inspirationsquelle durch die alltägliche Routine und die immer abstrakter werdenden Forschungen schon von Kindheit an zu versiegen droht. Deshalb entschloss er sich zur Mitwirkung an der Kinderuniversität München und zu seiner jetzt publizierten populärwissenschaftlichen Entdeckungsreise auf dem Gebiet der Physik.

Ausgehend von Naturerlebnissen der Leserinnen und Leser, die er in einer gut verständlichen, flüssig aufnehmbaren Sprache oftmals ganz direkt anspricht, entfaltet er ein überraschendes Spektrum an Metaphern, die Vorgänge vor allem in Makro- und Mikrokosmos so gut wie möglich vorstellbar werden lassen. Rolf Heilmann erklärt eingängig und logisch aufeinander aufbauend bedeutende Erkenntnisse beispielsweise von Nikolaus Kopernikus und Johannes Kepler, Isaac Newton und Anders Celsius, Max Planck, Albert Einstein und den Nobelpreisträgern des 21. Jahrhunderts – ohne alle Formeln und mathematische Beweisführungen! Besonders spannend wird es, wenn er auf komplexe Wechselwirkungen etwa zwischen Licht, Elektrizität und Magnetismus zu sprechen kommt, die aus der modernen Technik gar nicht wegzudenken sind. Frappierende Querverbindungen führen in Literatur, bildende Kunst, Musik und sogar in Philosophie und Theologie, da auch hier vom Zeitgeist beeinflusste Grundfragen des Lebens berührt werden, wenngleich zumeist, ohne zu zählen, zu messen oder zu wägen.

Zudem schreckt der Autor nicht davor zurück, permanent auf offene Fragen und Probleme seiner Wissenschaft hinzuweisen wie: „Warum gibt es denn die Schwerkraft?“ „Warum drehen sich Himmelskörper überhaupt?“ „Warum die kleinste Ladung, die man Elementarladung nennt, so groß ist, wie sie ist, weiß niemand.“ Er träumt davon, dass Relativitätstheorie und Quantenmechanik in einem einheitlichen Gedankengebäude zu erfassen sind und womöglich zu einer „Weltformel“ führen könnten. Doch hier Voraussagen zu treffen, ist unmöglich. Klar hingegen erscheint, dass der Weg in die Zukunft nicht nur darin besteht, immer mehr über immer weniger zu wissen, sondern vor allem Synergieeffekte nicht nur zwischen den einzelnen Naturwissenschaften, sondern sogar mit Geisteswissenschaften und Künsten zu suchen. Das setzt allerdings das gegenseitige Verständnis wenigstens in entscheidenden Grundzügen voraus, trotz aller höchst vertrackten Details, aller komplizierten eigenen Terminologien sowie der Unvorstellbarkeit etwa von neuesten mathematischen Operationen. Genau dafür schafft Rolf Heilmann mit seinem Buch Voraussetzungen und Denkanstöße.

Rolf Heilmann: Auch Physiker kochen nur mit Wasser

Wo die Wissenschaft an ihre Grenzen gerät. Eine Entdeckungsreise

F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH

München 2015

240 Seiten, 20 Euro


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