Bettina Kremberg | Drucken22.02.2018 

Missbrauch und Gewalt

In ihrem Buch „Skandal in Togo“ untersucht die Historikerin Rebekka Habermas deutsche Kolonialgeschichte

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Es ist ein Buch, das erschüttert. Und doch hofft man, dass es möglichst viele lesen mögen: Rebekka Habermas・ Untersuchung der Kolonialgeschichte in Togo. Als Mikrogeschichte der Verhältnisse Anfang des 20. Jahrhunderts angelegt, greift sie doch auf die Makrogeschiche der Kolonialzeit aus. Dabei beginnt die Autorin nicht etwa mit einleitenden Worten zu den Hintergründen deutscher Kolonialgeschichte von den Rufen der Handels- und Wirtschaftslobby Mitte des 19. Jahrhunderts über Bismarcks Bedenken bis hin zur Aufgabe der Kolonien nach dem Versailler Vertrag. Nein, sie listet die Personage der im Buch vorkommenden Akteure auf. Was dann im Buch beschrieben wird, mündet dazu passend in eine Art Theaterstück, bei dem die realen Ereignisse nur noch als Anlass für eine unerhörte Inszenierung drapiert werden.

Die reale Skandal-Geschichte, um die es im Buch geht, ist in Zeiten von metoo so kriminell wie in jenen Zeiten banal: Dem Kolonialbeamten Geo Schmidt, Bezirksleiter in Deutsch-Togo mit Sitz in Atakpame, werden am 3.12.1906 vorm Reichsgericht in Berlin u.a. sexuelle und gewalttätige Übergriffe auf die einheimische Bevölkerung vorgeworfen. Katholische Missionare, die ebenfalls dort ansässig sind und denen sehr an der „Zivilisierung“ der einheimischen Bevölkerung gelegen ist, haben die Vorfälle in Togo mehrfach an das zuständige Kolonialamt in Berlin gemeldet. Dieses sieht sich jedoch nicht etwa verpflichtet, das Verbrechen zu ahnden, sondern setzt vielmehr alles daran, das öffentliche Gesicht Deutschlands wiederherzustellen. Nicht die einheimische Bevölkerung soll vor solchen Übergriffen geschützt, sondern vielmehr das Ansehen des Kaiserreiches vor der Weltöffentlichkeit pro forma wiederhergestellt werden.

Deutschland ist dabei nicht das einzige Land, das immer wieder solche Vergehen verhandelt. Meldungen über ähnliche Vergehen gibt es zu jener Zeit ebenso in Paris, London, Brüssel und anderen Metropolen zu Hauf. Insofern ist das Geschehen banal. Das eigentlich Skandalöse aus heutiger Sicht an diesem Vorfall ist aber, dass diese Übergriffe dazu missbraucht werden, bestehende Vorurteile gegenüber der „afrikanischen Rasse“ zu stärken und weiter auszubauen. Die Geschichte, die der Zentrumsabgeordnete an diesem Tag dem hohen Haus präsentiert, besteht also aus demselben Plot wie so viele Kolonialskandale jener Zeit: übergriffige Kolonialbeamte, sexuell missbrauchte schwarze Frauen, willkürlich zusammengeschlagene oder getötete schwarze Männer und eine Kolonialverwaltung vor Ort, die alles vertuschen will bzw. umzudeuten versucht.

Missbrauch der Deutungshoheit

Die Reichstagsdebatten über die Kolonialskandale reproduzieren dabei stereotype Narrationen und tragen so nur wenig zur kritischen Aufarbeitung der tatsächlichen Geschehnisse bei. Den Skandal um die Geschehnisse im togolesischen Atakpame setzen die Missionare vor Ort gemeinsam mit der Zentrumspartei des Kaiserreiches ins Werk. Inhalt und Zeitplan werden glaubwürdig inszeniert und medial gesteuert. Die Geschichte muss jetzt nur noch für eine breite Öffentlichkeit Plausibilität erzeugen und die Möglichkeit zur moralischen Empörung bieten. Das gelingt besonders gut mit der eigenen, hochmodernen Pressepolitik des Kolonialamtes und durch eine aktive Öffentlichkeitsarbeit der Kolonial-Lobby. Der eigentliche Auslöser des Konflikts vor Ort in Togo – Beschwerden der lokalen Bevölkerung über Zwangsarbeit und ökonomische Aspekte kolonialer Herrschaft – spielen in der deutschen Öffentlichkeit keine Rolle. Daher finden sie in den einschlägigen Zeitungsorganen, etwa dem Vorwärts, keine Erwähnung. Die togolesische Bevölkerung taucht in diesen Erzählungen nur in zwei Rollen auf: als bemitleidenswerte Opfer, die der Erziehung bedürfen, oder als faule, mitunter gewalttätige Eingeborene. Beide Male stigmatisiert man sie zu Mängelwesen, denen Kultur, Zivilisation, Arbeitswille und Religion fehlen. So sind sich bei aller Kritik an dem Kolonialbeamten alle Parteien im Reichstag in ihrem Rassismus und in ihrer Rolle als Helfer und Erzieher einig. Der Kolonialismus an sich wird von keinem infrage gestellt.

Der europäische Mann in der Identitätsklemme

Derartige politische Skandalisierungen sind kein Selbstzweck, sondern eher dazu gedacht, öffentlichen Druck aufzubauen, um so bestimmte Anliegen und Besetzungen von Partei-Posten durchzusetzen. Die Missionare vor Ort schwärzen dabei Kolonialbeamte an und vice versa Kolonialbeamte die Missionare. In Berlin geht es daher gar nicht um den Missbrauchsfall, sondern um die Schaffung von Mehrheiten im Parlament. Insofern fördert dieser Skandal weniger neue Einsichten über das koloniale Leben in Togo zutage, sondern sorgt für Veränderungen der innenpolitischen Landschaft des Kaiserreiches. Denn Reichstagsdebatten über koloniale Fragen entstehen immer dann, wenn das Budget zu verabschieden ist. Darüber mitzubestimmen heißt, wirtschaftliche und handelsökonomische Weichen zu stellen, etwa beim Eisenbahnbau in den Kolonien oder bei der Plantagenbewirtschaftung im sog. Kaiserlichen Schutzgebiet.

Womit das Kaiserreich zu jener Zeit aber am meisten zu kämpfen hat, sind die kulturellen Herausforderungen, die die Kolonien für die bürgerliche deutsche Lebensform darstellen. Die Konfrontation der dichotomischen Geschlechterteilung samt ihrer geschlechtsspezifischen Zuschreibungen mit einer oft ganz anders gelagerten, auch polygamen Lebensform in den Tropen lässt das Selbstbewusstsein deutscher Männer offenbar ins Wanken geraten und stellt die eigene Identität infrage. Nicht nur hat man Angst vor der Vermischung der Rassen und Angst vor Geschlechtskrankheiten, sondern auch Minderwertigkeitsparanoia bezüglich der Vorstellung, dass männliche Afrikaner auf europäische Frauen eine besondere Anziehung ausüben könnten. Afrikanerinnen werden als Verführerinnen angesehen, denen der europäische Mann erliegt. Daher sollen die Männer, die in die Tropen geschickt werden, besonders widerstandsfähig und hart sein, um nicht dem „Tropen-Koller“ anheimzufallen. Hinzu kommt die Angst zu „verkaffern“, also sich der Lebensform der einheimischen Bevölkerung anzupassen, statt sie zur europäischen umzuerziehen.

Kulturelle Geschlechterrollendifferenzen

Insofern wird im Kontakt mit den Kolonien das bis dahin gültige Bild der wehrlosen, passiven Frau und des aktiven starken Mannes infrage gestellt. Ein Jahrhunderte altes Geschlechtermodell, das Herrschaft immer in patriarchale Hände spielt, steht nun nicht mehr als allein gültige Idee im Raum, sondern auf dem Prüfstand. Damit gerät zugleich die religiöse Stütze des dichotomen Geschlechterschemas ins Wanken. Das kann das Kaiserreich so nicht auf sich sitzen lassen. Denn insgeheim wird mit der Kritik an der für Europäer nicht normgerechten Lebensform von Afrikanern auch die Herrschaftslegitimität von Kaiser Wilhelm angezweifelt.

Kompensiert wird so das mangelnde männliche Selbstbewusstsein der Kolonialbeamten vor Ort durch das Beharren auf formaler Korrektheit im Umgang mit Rechtsstreitigkeiten. Dieser Nimbus des neutralen, aber überlegenen Richters verleiht den Beamten vor Ort Autorität und Legitimität. Es ist eine einzige Demonstration von Macht. Denn dadurch wird die vermeintliche Superiorität des weißen heterosexuellen Mannes zelebriert, den man in Deutschland als Herrscherfigur vermisst und daher kompensiert. Vor allem wegen dieser Kränkung der eigenen Kultur fühlt man sich genötigt, rein formal gegen die Willkür der Beamten vor Ort vorzugehen. Mit der Kulturmission in den Kolonien steht und fällt nämlich das Selbstwertgefühl einer sich gerade bildenden deutschen Nation.

Kolonien als „Schutzgebiete“

Dass man mit diesem Minderwertigkeitsgefühl keinen Staat machen kann und an internationalem Ansehen verliert, ist den Politikern und Rechtsgelehrten des Kaiserreiches klar. Natürlich gibt es auch handfeste, zwingendere Argumente, weshalb der Missbrauchsvorfall in Togo zu einem Skandal wird. Diese aber werden verschwiegen. Ursprünglich als Schutzgebiete für den deutschen Handel deklariert, sollte die Kolonie erstens dazu dienen, neue Absatzmärkte für deutsche Industriewaren zu schaffen, zweitens ein Auffangbecken für die deutsche Auswanderung bieten, die so der deutschen Nation nicht verloren gehen würden. Man glaubt, so dem Absterben der deutschen Kultur einen Riegel vorschieben zu können. Durch die Auswanderung aufrührerischer Massen in die Kolonien würde zudem der innere Zusammenhalt der Nation gestärkt werden, lautet die allgemeine Überzeugung der Parlamentarier in Berlin. Die Arbeiter, so hofft man, würden sich so auf die nationale Frage konzentrieren und sich von den sozialdemokratischen Ideen abwenden, die die kapitalistischen Pläne immer wieder durchkreuzen und mehr Rechte einfordern.

Der kaiserliche Berater Bismarck bleibt gegenüber diesen Argumenten verschlossen und präferiert ein informelles Handelsimperium, in dem deutsche Firmen mit außereuropäischen Gebieten erfolgreich Handel treiben und sie ökonomisch durchdringen sollen, ohne aber deren Territorien zu okkupieren oder eine eigene Staatlichkeit aufzubauen. Der Wandel in Bismarcks Politik in Bezug auf die Kolonien fällt in die Zeit seiner 1879 einsetzenden Schutzzollpolitik zur Sicherung der deutschen Wirtschaft gegen ausländische Konkurrenz. Bismarck überträgt nämlich durch staatliche Schutzbriefe den privaten Organisationen den Handel und die Verwaltung der jeweiligen deutschen Schutzgebiete. Gegen ein vages Schutzversprechen und eine nach deutschen Verhältnissen lächerlich geringe Kaufsumme übergeben die indigenen Herrscher große Gebiete an die Deutschen ab, weil nach ihrem Verständnis keiner auf Land ein Recht hat. Häufig sind ihnen auch die Details der Verträge mangels Sprachkenntnissen unklar. Sie werden also über den Tisch gezogen, spielen aber mit, weil die Verhandlungen mit den Kolonisatoren und der rituell vollzogene Vertragsabschluss ihre Autorität vor Ort enorm erhöhen.

Hinter den Kulissen

Auch wenn Habermas den innenpolitischen Querelen zwischen Zentrumspartei und Sozialdemokraten rund um den Skandal in Berlin viel Platz einräumt, kommt in ihrer Studie noch mehr zur Sprache. Neben der Darstellung der Beamten und Missionare als Anwälte, Zeugen, Gutachter und Richter vor Ort beschreibt sie auch primär koloniale Utopien agrarökonomischer Umgestaltungen, wie z.B. das „Baumwollvolkskulturprojekt“. Das kann nämlich nur mit Zwangsarbeit vorangetrieben werden, da die einheimische Bevölkerung nicht willens ist, ihre eigene Feldbearbeitung zugunsten der Kolonialisten aufzugeben. Daher reagiert sie mit Abwanderung, Sabotage und schließlich der Forderung nach gerechtem Lohn. Auch das wird in Berlin verschwiegen.

Schließlich kann das mediale Aufbauschen des Skandals über den Missbrauch nicht verhindern, dass sich die wahren Zustände bis in englischsprachige Organe der britischen Goldküste nach Westafrika verbreiten. Die deutsche Kolonialregierung verzichtet jedoch auf wirkmächtige Reformen und verleugnet die offenen Geheimnisse des Skandals, dass nämlich sexuelle Übergriffe, Gewalt und Zwangsarbeit zum alltäglichen Habitus der Kolonialbeamten gehörten. Der Täter Geo Schmidt bekommt keine nennenswerte Strafe und das vergewaltigte Mädchen erhebt keine Anklage. Der eigentliche Skandal, weswegen das Buch auch höchst aktuell ist, besteht darin, dass die modernen europäischen Gesellschaften nach wie vor voller kolonialer Denkfiguren sind und dass im Mediengetöse vieles verdunkelt und zum Verschwinden gebracht wird, was erklärt werden müsste, damit Menschen sich ein eigenes Urteil bilden können.

Die renommierte Göttinger Historikerin Rebekka Habermas zeigt in ihrer sozio-politischen Fallstudie also nicht nur den Verlauf der Reichstagsdebatte, die bei aller Empörung über Geo Schmidts Fehlverhalten den Kolonialismus an sich gar nicht infrage stellt. Sie dokumentiert zugleich die Systematik kolonialer Gewaltausübung, ihre Ökonomie und willkürliche Rechtspraxis ebenso wie die asymmetrischen Geschlechterrollen und paternalistischen Zivilisierungsdogmen. Offengelegt werden sowohl die rassistischen Prämissen vergangener wie heutiger Kolonialdebatten. Mit ihrer glänzend erzählten Mikrogeschichte über dieses düstere Kapitel deutscher Kolonialgeschichte bietet sie erstaunliche und empörende Einblicke in die Kolonialgeschichte.

Skandal in Togo. Ein Kapitel deutscher Kolonialherrschaft

von Rebekka Habermas

S. Fischer Verlag

Frankfurt 2016

396 Seiten, 25 Euro


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